Die einstimmigen lateinischen Messgesänge in der Reformations- und Gegenreformationszeit in Mähren und deren liturgischer Betrieb

Stanislav Červenka
2016 Musicologica Brunensia  
The author carries out external and internal analyses of two in Moravia newly discovered Latin Utraquist Graduals from the beginnings of the sixteenth century and of another two Catholic Graduals from the end of the fifteenth century, which were also in practice in the reformation milieu of sixteenth century. On the basis of repertory collations, he determines their liturgical provenience and accomplishes their local and chronological registration. He observes their particularities and
more » ... rities and catalogues them into a wider historical context. By making use of various posterior records and complements, he specifies the function of Graduals in liturgical practice in the time of Reformation and the subsequent Counter-Reformation. Die musikwissenschaftliche Forschung der Reformationszeit in Mähren liegt immer noch am Anfang. Einerseits aufgrund der fehlenden Quellen im Vergleich zu Böhmen, anderseits wegen des schwachen Interesses der Forscher. Mein Beitrag befasst sich mit zwei Gradualien der lateinischen Utraquisten in Mähren aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, die ich vor kurzem entdeckte, und mit zwei katholischen Gradualien aus dem Ende des 15. Jahrhunderts mit Spuren der Reformationszeit. Fast alle vier Handschriften wurden auch im katholischen Gottesdienst der folgenden Jahrhunderte verwendet. 1 Jede liturgische Handschrift stellt eine komplizierte Beziehungsstruktur der äußeren und inneren Merkmale dar, die eine Aussage über ihre liturgische Funktion, über Zeit und Ort ihrer Entstehung und ihres Gebrauches bieten. Es ist auch nötig jede Handschrift einer kodikologischen Analyse zu unterziehen. Regionale Interessen in der Tschechischen Republik fordern die Unterscheidung der partikularen Liturgien der Olmützer und der Prager Diözesen. Ohne Antwort auf alle diese Fragen verliert die Musikquelle an ihrer historischen Aussage. Für die Bestimmung der liturgischen und lokalen Herkunft jedes Graduale ist es wichtig die Individualität des Kyriale Repertoires, der Alleluia-Gesänge, der Sequenzen, Weihen-und Prozessionsriten und Feiertage der Heiligen zu untersuchen. Alle diese Formen entwickelten sich noch im Spätmittelalter auf eigene Weise. Aus diesem Grunde werde ich im meinen Beitrag auch diese Merkmale berücksichtigen. Das Graduale aus Odry (Odrau), Biskupství Ostrava, fond Odry, sign. A: 40/80112/20/0250, wurde der Datierung auf Fol. 82r im Jahre 1504 geschrieben. 2 Es ist das Graduale der lateinischen Utraquisten, dessen Struktur und Ordnung sich denen in den katholischen Gradualien ähnelt. Die Handschrift ist mehrmals beschädigt. Es fehlen zweite Teile der beiden Sanctoralen, das ganze Sequenziar, und die für die Stadtgemeinde wichtigen Marienmessen, Seelen-und Totenmessen, und auch Fronleichnamsmessen. Das Kyriale-Repertoire folgt der schriftlichen Tradition der Olmützer Diözese seiner Zeit, d. h. nach der liturgischen Reform des Bischofs Jan ze Středy (Johanns von Neumarkt) im Jahre 1376. 3 Es stimmen Melodienpaare Kyrie-Gloria und Sanctus-Agnus überein und auch die regelmäßige Auswahl der tropierten
doi:10.5817/mb2016-1-4 fatcat:kpjjl3w36nhj7g4tx6hlkhrywu