Zur Anziehungskraft eines Gewaltvideos [chapter]

2020 Bildzensur  
Am 15. März 2019 konnte potenziell die ganze Welt gleichsam in Echtzeit zusehen, wie sich ein terroristischer Massenmord ereignete. Als sich zahlreiche Gläubige zum Freitagsgebet in einer Moschee im neuseeländischen Christchurch versammelt hat ten, stürmte ein rechtsextremer Täter das Gotteshaus, filmte sein Verbrechen und streamte es live auf Facebook -fast 17 Minuten lang konnte er "Drehbuchautor [und] Regisseur [...] seines eigenen Films sein". 1 Als der Stream abgebrochen wurde, war der
more » ... wurde, war der Täter -wie sich im Zuge der Ermittlungen später herausstellte -unterwegs zu einer weiteren Moschee. Bei dem Anschlag starben an insgesamt zwei Tatorten 51 Menschen; 50 weitere wurden verletzt. Was zu zeigen sein wird Mit der kriminell eingesetzten Wechselbeziehung von physischem Gewaltakt und technischen Aufzeichnungs und Verbreitungsmitteln markiert die Tat einen Verbre chenstypus, der in digital vernetzten Bild und Bildnutzungskulturen globale Wirkung entfalten kann: das terroristische Aufmerksamkeitsverbrechen. 2 Und damit ordnet sich die Tat auch in eine kontrovers geführte Mediendebatte über Terrorbilder ein, die immer wieder fallspezifisch an Intensität gewinnt: Unter welchen Bedingungen können, dürfen oder müssen sie gezeigt bzw. nicht gezeigt werden? 3 In der Bericht erstattung über das Video von Christchurch wurden primär medienethische und politische Gesichtspunkte diskutiert. Dabei markierten gerade jene Redaktionen, die sich für eine Bildpublikation entschieden, implizit aber auch die Bedeutung von bild kritischen Analysen: Woher rührt die Anziehungskraft eines potenziell abstoßenden Terrorvideos?
doi:10.1515/9783110715293-007 fatcat:dputixkzc5ez7feqagnw67ngca