Kultur und Kontext — Strategien zur Einbeziehung komplexer Umwelten in die Vergleichende Methode [chapter]

Timm Beichelt
2005 Vergleichen in der Politikwissenschaft  
Einleitung Vergleichend zu arbeiten bedeutet in der Politikwissenschaft in der Regel, entweder mit großen Fallzahlen -mindestens mit zwanzig -oder aber anhand von Fallstudien mit zwei, manchmal drei beteiligten Fällen zu operieren. 1 Die Vergleichende Methode 2 mit den für sie typischen "qualitativen" Studien nimmt dabei einen eher beschränkten Raum ein (Berg-Schlosser 1997: 67). Viele ihrer grundlegenden Parameter sind seit den späten sechziger Jahren ähnlich geblieben. Sie betreffen die
more » ... lung von Forschungsdesigns, die Reichweite von Konzepten und den Charakter der von der vergleichenden Methode zu verarbeitenden Daten. In der Fortführung der bekannten Unterscheidung von John St. Mill zwischen Konkordanz-und Differenzmethode wird über die Vor-und Nachteile von most similar oder most dissimilar cases designs diskutiert (Przeworski/ Teune 1970). Ebenfalls von bleibender Relevanz erweist sich das von der Komparatistin abzuwägende Spannungsverhältnis zwischen der Reichweite eines Konzepts und der Differenziertheit der zu erwartenden Ergebnisse nach der "Abstraktionsleiter" von Giovanni Sartori (1970). Die wichtigste Neuerung der Vergleichenden Methode besteht wohl in der Entwicklung eines "makroqualitativen" Ansatzes, der -trotz einer hohen Fallzahl -durch die strikte Dichotomisierung von Variablen Forschungsergebnisse ermöglicht, die der individuellen Lagerung einzelner Fälle besser gerecht wird (Ragin 1987; Berg-Schlosser/ DeMeur 1994) . Ein Problemfeld, das in der theoretischen Debatte dagegen nur in geringem Umfang systematische Betrachtungen auf sich gezogen hat, besteht in der Abgrenzung eines komparativen Designs gegen die umgebende Realität -genauer: in der Abgrenzung des Realitätsausschnitts, der durch das Design abgebildet werden soll, gegen den Realitätsausschnitt, der vom Design nicht systematisch erfasst wird. In diesem Beitrag sollen zwei komplementäre Wege der Verbindung von Modellumwelt und Modell-innenwelt diskutiert werden. Erstens wird im Bereich der "klassischen" Vergleichenden Methode (fortan: klassischer Vergleich; siehe Fußnote 2) die Trennung der Variablen in operative und Kontextvariable im Hinblick auf den häufig gegebenen Fall thematisiert, dass unübersichtliche Erklärungslagen vorliegen. Kontextvariablen sind Variablen, deren Einfluss auf das Untersu-1 Für kritische Anmerkungen zu zwei früheren Versionen dieses Textes danke ich Florian Grotz, Sabine Kropp und Michael Minkenberg. 2 Der Begriff der Vergleichenden Methode ist nicht mit dem Vergleich an sich gleichzusetzen, sondern bezieht sich im Sinne von Lijphart (1971) auf die "Forschungssituation einer großen Zahl von Variablen bei einer kleinen Zahl von Fällen" (Nohlen 1994). Die Vergleichende Methode ist damit insbesondere gegen die statistische Methode abgegrenzt, die durch eine große Zahl von Fällen gekennzeichnet ist. Im Laufe des vorliegenden Textes wird allerdings aus rhetorischen Gründen nicht immer von der "Vergleichenden Methode", sondern auch vom "Vergleich" gesprochen.
doi:10.1007/978-3-322-80441-9_11 fatcat:kv72fqoml5blbha27rxq6dtihu