Repräsentation und Reflexion von Zeit in der Novellistik 1820–1850 [chapter]

Stephan Brössel
2021 Die Zukunft zwischen Goethezeit und Realismus  
ZusammenfassungDie uneinheitliche Literatur im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ist in einem Punkt erstaunlich homogen: in ihrem Bestreben nämlich, über Zeit nachzudenken. Indem sie den eigenen Status als Übergangsepoche entwirft, erhebt sie die Störung von Zeit zu einem ihrer kardinalen Verhandlungsgegenstände und erzeugt ein Konzept von ›Zukunft‹, das vor allem eines ist: vielgestaltig. So, wie der Realismus besessen ist vom Tod und die Frühe Moderne vom Leben, wie der Sturm und Drang von
more » ... der Freiheit und die Romantik vom Ungenügen an der Realität – so ist die Zwischenphase besessen von der Reflexion von Zeit. Die Zeit als Störung, die Unsicherheit des Lebenslaufmodells und die Insuffizienz der eigenen Gegenwart, die regressive Orientierung an der Vergangenheit und der progressive Fortschrittsglaube – überhaupt: das fortwährende Nachdenken über Zeit und Zeitlichkeit, gebunden an die Erkenntnis, dass etwas vorbei ist, ohne dass etwas Anderes schon gefunden worden wäre oder sich etabliert hätte – allesdies zeichnet die literaturgeschichtliche Phase aus, die wir um 1820 ansetzen und um 1850 enden lassen und Zwischenphase nennen wollen. Zeitreflexion ist – dies die Grundidee der nachfolgenden Ausführungen – Dreh- und Angelpunkt eines weitreichenden und tiefgreifenden literar- und mentalitätshistorischen Wandels, der von der Zwischenphase als solcher wahrgenommen und verarbeitet wird.
doi:10.1007/978-3-662-63017-4_1 fatcat:fjp3c2qp3fexng65ohephqnpeq