10 Die Schülerperspektive im Kontext der "Täglichen Sportstunde" – Theoretisch-methodische Rahmung und erste Ergebnisse [chapter]

Ina Hunger
2010 Schulsportforschung  
Geht es darum, ein möglichst umfassendes Bild von der "Täglichen Sportstunde" zu erlangen, so sollte die Perspektive der Schüler nicht ausgeklammert bleiben. Schüler machen über 90 % der Akteure und Mitgestalter im Handlungsfeld Schule aus, an sie richtet sich das Projekt "Tägliche Sportstunde" in pädagogischer Absicht, sie sind den praktischen Umsetzungsbemühungen vor Ort ausgesetzt etc. Sich ihrer subjektiven Sichtweise anzunähern und qualitativen Aufschluss darüber zu bekommen, wie sie das
more » ... mmen, wie sie das sportliche Angebot wahrnehmen und erleben, welche Bedeutung sie diesem zuschreiben, was für sie in diesem Kontext wichtig ist und wie sie sich einbringen, ist von besonderer Bedeutung. Es gilt also, neben der Untersuchung, welche entwicklungsbezogenen Effekte das Projekt auf die Kinder haben könnte, sich auch mit der Frage zu beschäftigen, welche alltägliche Sicht die Kinder auf das Projekt bzw. Schulleben haben. In diesem Sinne müssen die Kinder als Akteure in den Forschungsprozess miteinbezogen werden und als Experten ihrer Gedanken-und Lebenswelt zu Wort kommen. Kinder als Interviewpartner? Was auf den ersten Blick als richtig und wichtig erscheint, nämlich die Rekonstruktion der Sichtweise der -neben den Lehrern -wichtigsten Akteursgruppe im Schulsport, ist mithin nicht selbstverständlich. Die qualitative Erforschung der Kinderperspektive ist im Kontext der Schulsportforschung noch immer die Ausnahme: Obwohl Kinder in didaktischen Entwürfen stets als kompetente soziale Akteure porträtiert werden und obwohl immer wieder die Andersartigkeit kindlicher Selbst-KONKRETISIERUNGEN 217 https://doi.org/10.5771/9783840305450-217 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 09.12.2020, 22:09:50. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. und Weltsicht und die Bedeutsamkeit ihrer Berücksichtigung in pädagogischen Kontexten hervorgehoben wird, sind nur wenige Arbeiten empirisch so angelegt, dass Kinder als Gesprächs-oder Interviewpartner zu Wort kommen. Es dominiert die Perspektive Erwachsener auf den Sportunterricht. Der Grund für die Fokussierung auf die Erwachsenenperspektive verweist einerseits selbstverständlich auf das jeweilige Erkenntnisinteresse. Andererseits könnte es aber auch darauf verweisen, dass das "Forschen mit Erwachsenen" vor allem das Interviewen von Erwachsenen, im Verständnis der Forscher als eher vertrautes Verfahren gilt. In den letzten Jahren -betrachtet man die diversen qualitativen Studien -hat sich der Einsatz qualitativer Interviews im Rahmen der Erwachsenenforschung offensichtlich etabliert (vgl. Erdmann, 1998; Kuhlmann, 1993). Insbesondere die "Leistungsfähigkeit" narrativer oder Leitfadeninterviews wird kaum mehr problematisiert und auch die Kompetenzen der Interviewpartner oder Interviewer werden nur selten (in kritischer Absicht) thematisiert. Das Selbstvertrauen im kommunikativen Umgang mit Erwachsenen und der nahezu gewohnheitsmäßige Einsatz von Interviews im Rahmen qualitativer Forschung verleiten offensichtlich dazu, sich in methodologischer und forschungspraktischer Sicherheit zu wiegen. Kinder zu interviewen, scheint dagegen ein vergleichsweise unsicheres Unterfangen zu sein: Zwar ist man sich mehr oder wenig einig, dass Kinder bzw. Schüler, wie es Bräutigam (vgl. in diesem Band) beschreibt, "ein breit angelegtes und differenziertes Experten-und Detailwissen über Schulsport besitzen". Die Frage, ob und wie dieses
doi:10.5771/9783840305450-217 fatcat:kejkmzgxwnaevfxm5xugnjzrgm