Chatten als Kommunikationsspiel

Susanne Wolf, Helena Bilandzic
2002 Medien & Kommunikationswissenschaft  
Ausgehend vom Rahmenkonzept Goffmans wird ein Spielmodell des Chattens entwickelt, das eine weiter gehende Erklärung der Chatnutzung bietet. Mit Hilfe des Modells lässt sich zeigen, warum Anonymität und Unverbindlichkeit als grundlegende Charakteristika der Chatkommunikation nicht zu einer völligen Missachtung von Gesprächs-und Umgangskonventionen führen. Das Spielmodell basiert auf den Grundelementen konventioneller Spiele und wurde in einer empirischen Studie mit einer Kombination von
more » ... ination von Beobachtung und Lautem Denken konkretisiert. Als Spielhandlungen werden die einzelnen Kommunikate der Chatter betrachtet. Die Darstellung der eigenen Identität zu steuern und die des anderen zu enttarnen, kann als spielimmanentes Ziel begriffen werden. Dabei geht es nicht um das bloße Entlarven des Gesprächspartners, vielmehr ist ein origineller und geistreicher Weg dorthin -über die Spielhandlungenentscheidend. Dementsprechend entwickeln die Chatter Spielstrategien, um ihre Kommunikationsgeschicklichkeit zu steigern: Aktivität, Schnelligkeit und Originalität machen einen Spieler zum gefragten Gesprächspartner. Beherrscht man diese Strategien nicht oder missachtet man die grundlegenden Umgangsformen, wird man im Chat ignoriert und aus dem Spiel ausgeschlossen -mit der Konsequenz, dass auch das Spielvergnügen beendet ist.
doi:10.5771/1615-634x-2002--533 fatcat:ua5c7cegangrnhxn7uurbwyuee