Zion-Armenien-Deutschland: Johannes Lepsius und die "protestantische Internationale" in der spätosmanischen Welt (Teil 1)

H L Kieser
2009
Der deutsche Pastor, Publizist, Armenierfreund und humanitäre Aktivist Johannes Lepsius wird in Deutschland nach jahrzehntelanger Vergessenheit öffentlich, zum Teil kontrovers diskutiert. Mutiger Zeuge der Wahrheit und Philanthrop einerseits, Patriot und verblendeter Freund des Kaisers und Kaiserreichs andererseits ist er genannt worden. 2 Dieser Artikel verfolgt den Ansatz, Lepsius als ein spezifisch deutsches Glied einer überwiegend englischsprachigen «protestantischen Internationale» im 19.
more » ... nd frühen 20. Jahrhundert dar-4) Die Hoffnung auf eine «neue Türkei» nach 1908 5) Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs 6) Lepsius und die deutsche Aporie nach 1918 7) Konklusion 1 Eine wirksame «protestantische Internationale» geht auf das 16. Jahrhundert zurück. In unserem Zusammenhang ist indes vom einflussreichen informellen, transnationalen und transatlantischen Netzwerk grösserer und kleinerer Missionswerke, ihrer Heimatgemeinden und weiterer Kreise die Rede, das sich neu im späten 18. Jahrhundert herausbildete, aber als solches nie organisiert war (im Gegensatz zur späteren «Kommunistischen Internationale»). 3 Die protestantische Internationale des frühen 19. Jahrhunderts hatte sich Moderne, Mission und Reich Gottes-Glauben -den Glauben ans Reich Christi im Herzen der Gläubigen, aber auch weltweit politisch und gesellschaftlich -ins Programm und auf die Fahnen geschrieben. Besonders amerikanische Protestanten und ihre damals neu begründete Übersee-und Nahostmission bejahten die Errungenschaften der Moderne und verstanden diese -im Gegensatz zur kontinentaleuropäischen Aufklärung -als Teil prophetischer Dynamik, nicht als Widerspruch zum biblischen Glauben. Für sie waren Moderne und religiöse Prophetie inklusive Millenarismus, millennialism and modernity, beide die Voraussetzung einer neuen Ära, die endlich uralte religiöse Verheissungen mit modernen Mitteln global verwirklichen würde. Zutreffend hat der deutsch-amerikanische Theologe Helmut Niebuhr den Reich Gottes-Gedanken in diesem Sinn als zentrales, distinktives Merkmal des amerikanischen Christentums herausgestellt. 4 The seminal break of World War I» in meinem Buch A quest for belonging. Anatolia beyond empire and nation, 19th-21st centuries, Istanbul: Isis, 2007, S. 11-65. tischer Nahostmission um 1800 -die konkrete Keimzelle des Reiches Christi im Nahen Orient. Von hier hätte das Reich Christi auf dieser Welt, das Millennium, auszugehen. Ein einflussreicher Zionismus avant la lettre, protestantischer Provenienz, war im Rahmen der weltweiten protestantischen Missionsbewegung an der Schwelle zur Moderne am Werk. Der Slogan Restoration of the Jews bedeutete in ihrer Perspektive sich für die jüdische Heimkehr nach Palästina, Umkehr zu Christus, dem historischen und kommenden, und zugleich die Neuerrichtung Israels einzusetzen. Diese zusammenhängenden grossen Anliegen vor allem englischsprachiger Missionsbewegung im frühen 19. Jahrhundert waren ein Hauptgrund, Missionen im osmanischen Palästina und dann in allen «Bibellanden» (Bible lands) zu gründen. «Zion aufzubauen» war Teil und Metapher des überragenden prophetischen Ziels, Christi Reich und Parusie (sichtbare Omnipräsenz) mit den besten Mitteln der Moderne auf dieser Erde zu befördern. Den ersten Missionaren gelang die Kommunikation mit den Juden und Muslimen in den osmanischen Bibellanden nicht oder kaum, diejenige mit den Armeniern hingegen weit besser und lebendiger. Daher wandte sich die junge amerikanische Nahostmission des 1810 in Boston gegründeten American Board of Commissioners for Foreign Missions (ABCFM) alsbald den osmanischen Christen zu. Im protestantischen Nahostmillenarismus nahmen diese, und zwar insbesondere die Armenier in Kleinasien, fortan eine herausragende Rolle ein. Das ABCFM und mit ihm verknüpfte Institutionen wurden zu protestantischen Vorreitern in der osmanischen Welt. Die erfahrenen Amerikaner erwiesen sich im späten 19. Jahrhundert als Paten und Mentoren der deutschsprachigen protestantischen Missionsgesellschaften, auch derjenigen von Johannes Lepsius in Urfa, worauf ich zurückkommen werde. Die zunehmende Präsenz von Protestanten im Palästina und Syrien der 1820er und 30er Jahre war einer unter mehreren Gründen für die Eröffnung des britischen Konsulats in Jerusalem 1838. Drei Jahre später wurde das britisch-preussische protestantische Bistum von Jerusalem gegründet: ein merkwürdiges Bischofsamt, das für vierzig Jahre eine protestantische «heilige Allianz» ganz eigener Art darstellte. Die prägende Gestalt in diesem Amt war Albert Gobat, der aus dem französischsprachigen Schweizer Jura stammte und ein ehemaliger Missionar der englischen Church Missionary Society war. 5 Das Bistum signalisierte unter anderem die neue symbolische Bedeutung der osmanischen Bibellande in einer Zeit, in der Religion im öffentlichen Leben im Westen mehr und mehr an Bedeutung verlor, missionarisch bewegte Kreise indessen die Orientkrise als Chance für biblisch-prophetisches Geschehen wahrnahmen. Je säkularer sich öffentliches Leben im Westen artikulierte, universale Zukunftshoffnungen der Aufklärung sich verflüchtigten oder nationalstaatlich partikularisierten, umso stärker war die Erwartung, dass im Orient religiöses Erbe mit Universalanspruch noch seine Bedeutung haben werde. Dort sollten alte Verheissungen sich erfüllen und wohlfeiler Bibelspott Lügen gestraft werden. Johannes Lepsius betonte an einer Konferenz in Kairo 1906, dass nach dem Ausgang monotheistischer Mission aus dem Orient, die Moderne die Rückkehr dieser Mission zu ihrem Ursprungsort zu leisten habe, damit sie zur Vollendung kommen könne. 6 Gobat und die amerikanischen Missionare vor ihm, die bei aller Vision konkret und pragmatisch arbeiten wollten, hatten früh erkannt, dass «Judenmission» und «Islammission» eine sehr schwierige Angelegenheit waren; dass es ganz neue Konzepte zu entwickeln, sich selbst und das eigene theologische Verständnis neu zu entwerfen, und daher vorläufig ein Moratorium zu beachten galt. Deshalb wandten sie sich in behutsamer Umgehung des Direktzugangs den orientalischen Christen zu. Der ursprüngliche, kühne Gedanke der Restoration of the Jews zugleich mit der Gewinnung der Muslime ging aber nicht verloren; ebensowenig wie derjenige, zentrale und logisch damit verknüpfte, vom baldigen Reich Christi, auf das allewelcher religiöser und nationaler Herkunft auch immer -sich vorzubereiten hätten. Johannes Lepsius bekam in seiner Jugend die Frömmigkeit seiner Mutter und das Interesse für Theologie mit. 1880 schloss der 22jährige Familienjüngste, das sechste und letzte Kind von Elisabeth und Richard Lepsius, sein Doktorat der Philosopie in München summa cum laude ab. Eine wissenschaftliche Laufbahn (wie sein Vater, ein bis heute bedeutender Ägyptologe), wollte er nicht einschlagen, weil «vom Leben zu weit losgelöst», und aus «Gotteshunger». Daher hängte er noch ein Studium der Theologie in Greifswald an, das er 1883 beendete. Daran schloss sich eine Militärzeit als «Einjährig-Freiwilliger» 7 in Berlin an. 1884, ebenfalls in Berlin, ordiniert, reiste der junge Pfarrer kurz danach nach Palästina, von wo er 1886 zurückkehrte und 1887 eine Pfarrstelle antrat. 8 Damals begann das junge Kaiserreich vom kolonialen Fieber und vom Glauben an die Überlegenheit deutscher Wissenschaft, Technik, Wirtschafts-und Militärmacht ergriffen zu werden. Seine entscheidende Initiierung zur protestantischen Nahostmission erfuhr Johannes Lepsius, als er 1884, 26 jährig, Hilfsprediger der deutschsprachigen Gemeinde in Jerusalem wurde. Hier heiratete er Margarethe Zeller, die Enkelin von Samuel Gobat, die wie die meisten Glieder jenes Milieus polyglott und in ihrem Fall arabischsprachig war. In Jerusalem lernte Lepsius eine Stadt kennen, die wie keine andere religiöses Erbe im Stadtbild und seinen 6 Methods of mission work among Moslems. Being those papers read at the First Missionary Conference on behalf of the Mohammedan World held at Cairo April 4 th -9 th , 1906, and the discussions thereon, which by order of the conference were not to be issued to the public, but were to be privately printed for the use of missionaries and the friends of missions, London: Fleming H. Revell company, n.d. (1906), S. 23-26. 7 Im Gegensatz zur längeren Dienstzeit von jungen Männern ohne Hochschulabschluss. 8 Ibidem, S. 86-90.
doi:10.5167/uzh-27848 fatcat:rrf2m5roenhklpmm7lxrflgj2m