Madeira als moderner Kurort für Lungenkranke

1904 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Nachdem 1nger als ein Jahrzehnt durch die Bestrebungen für die Volksheilstätten das klimatische Moment bei der Schwindsuchtsbehandlung in den Hintergrund gedrängt war, ist während der letzten zwei Jahre eine Reaktion eingetreten : deutsche Kranke werden -oft ohne genügende Kritik -in großer Zahl in das Hochgebirge geschickt, liber die Bedeutung Südwestafrikas als klimatischer Kurort ist viel gestritten worden, Aegypten erfreut sich stärkeren Zuzugs von Kranken als jemals, und neuerdings taucht
more » ... n medizinischen und politischen Blättern als Schwindsuchtskurort Madeira auf. Namen deutscher Aerzte von gutem Klang finden sich mit einem Madeiraunternehmen verkntipft, dessen Pläne den Fernstehenden fast abenteuerlich erscheinen können, und eine technische Kommission von 20 Fachleuten, darunter erste Autoritäten, ist ausgesandt worden, um die altberühmte Schwindsuchtsstation auf ihre Eigenschaften als moderner Kurort zu prüfen. Die zunächst überraschende Situation ist eine einfache und für Deutschland ehrenvolle. Im Kampfe der zivilisierten Welt gegen die Tuberku1ose nimmt Deutschland eine führende Stellung ein, und nicht zum wenigsten ist es seiner Anregung zu danken, daß in einer Reihe von Ländern Tuberkulose-Gesetze erlassen sind. So auch im Königreich Portugal, zu dem Madeira gehört. Unter besonderer Protektion der Königin Amalia, die 1ngst durch ihr lebhaftes, durch hohe Intelligenz gefördertes Interesse an humanen, und besonders medizinischen Fragen bekannt ist, ist auf Grund solcher Gesetze mit einer deutschen Gesellschaft ein Vertrag zustande gekommen, der dieser weitgehende Vorrechte bei Umgestaltung Madeiras zum Kurort einräumt gegen die Verpflichtung, eine Volksheilstätte für Lungenkranke zu errichten und zu erhalten. Die bezeichnete Kommission, zu der auch der Verfasser gehörte, gewann in zehntägiger Arbeit beï zweckmäßigem Zusammenwirken genügenden Einblick in die Verhältnisse Madeiras und überzeugte sich, daß Madeira dank seiner wunderbaren natürlichen Mittel zu einem der schönsten und segensreichsten Kurorte der Welt umgewandelt werden kann. Stattliche Kur-Etablissements für Nervöse und Erholungsbediirftigo und erstklassige Hotels sollen errichtet werden, modernste Einrichtungen bezüglich Wasserversorgung, Entwässerung, Beleuchtung etc. werden durchgeführt, und der so entstehende Kurort wird in weit größerem Maße als bisher dem Weltverkehr, namentlich dem mit Nord-und Südamerika, eröffnet werden. Bei der Errichtung von Sanatorien für Lungenkranke, die dabei die erste und vornehmste Aufgabe der Gesellschaft bilden wird, werden die Anschauungen und Erfahrungen deutscher Aerzte allein maßgebend sein. Ihr Streben muß es sein, das Klima Madeiras auszunutzen, wie man in Deutschland und der Schweiz Seeklima, Gebirgs-und Hochgebirgsklima verwendet, und die merkwürdige Mannigfaltigkeit der klimatischen Faktoren Madeiras wird bewirken können, daß etwas geschaffen wird, wie es bisher nicht existiert. Mit dem alten Madeira ist zwar nicht zu rechnen. Nur wenn man annimmt, daß viele der jetzigen unerfreulichen Zustände der Insel erst mit der Zeit sich ausgebildet haben, und daß die trefflichen früheren Aerzte (Mittermaier, Goldschmidt und andere) ihre Kranken oft genug aus der Hauptstadt Funchal in die Berge versandt haben, wird verständlich, daß Madeira in den 60er und 70er Jahren ein viel besuchter Kurort für Lungenkranke war. Zurzeit wird ein hygienisch gebildeter Tuberkulosearzt nur mit tiefern Bedauern jene wenigen Kranken Madeiras betrachten, die ohne jeglichen ihrem Zustand entsprechenden Komfort, in wenig guten Hotels, bei mangelhafter Verpflegung ihr Leben fristen, mit der häufig so schwülen, feuchtwarmen Luft Funchals auch die üblen Düfte der Stadt einutmen und bei jedem kleinen Ausgang unter einem Uebermaß von Anstrengung jenes berüchtigte Pflaster Madeiras -nicht etwa nur Funchals -betreten müssen, das selbst dem Kräftigen und Gesunden das Fortbewegen auf den Straßen erschwert. Aber auch dem in die Berge fliehenden Kyanken folgt die mangelhafte Unterkunft und Ernährung und die Gefahr, an Typhus zu erkranken. Die allgemeine Sanierung Madeiras ist in gleicher Weise \Torbedingung für die geplanten Kur-Etablissements und Hotels in Funchal wie für die künftigen Sanatorien und wird in Bälde in Angriff genommen werden. Auch nach vollendeter Sanierung wird aber von den klimatischen Faktoren, die einstmals Madeira zu einem berühmten Kurort machten, nur ein kleiner Teil bei der Phthisisbehandlung im modernen Sinne höher bewertet werden, und der vielgerühmten Gleichmäßigkeit der Temperatur, der Milde des Winters, der Luftfeuchtigkeit, der Seltenheit von Niederschlägen etc. ist nur ein bedingter Wert zuzusprechen. Der wirkliche Wert, der bis jetzt nicht gehobene Schatz, den das Klima Madeiras birgt, beruht in der erwähnten Vielseitigkeit der kumatischen Faktoren der Insel, die daraus erhellt, daß in relativ geringer Entfernung voneinander, bedingt durch das rasche Aufsteigen dei Berge vom Meere aus, die Wohnstätten der Insel sich von der Ebene des Seestrandes bis zu Höhen von 1800 m erstrecken, und dalI es dadurch ermöglicht ist, in gleicher Weise die Heilkräfte der See wie die des Gebirges und Hochgebirges zu verwenden. Dieser eigenartige Vorzug Madeiras gewinnt dann noch an Wert durch die Insellage des Kurortes, weiter durch fast vollkommene Staublosigkeit, endlich durch die wunderbare Natur, die den Kranken an jedem Punkt der Insel umgibt und sicher das seelische Befinden der Patienten fördert. Auch der flüchtige Besucher Madeiras wird den Eindruck mit fortnehmen, daß eine kleine Tagestour den Reisenden von einem Meeresstrande, der mit seiner üppigen südlichen Flora, seinen Feisbildungen und Meereseinschuitten bald an die Riviera Levante, bald an Capri erinnert, in eine Gebirgswelt zu führen vermag, deren gewaltige Dimensionen, groteske Formationen und Szenerien unwillkürlich einen in die Dolomiten versetzen, und der Naturfreund wird innerhalb einer kurzen Spanne Zeit sich an der tropischen Flora, die an Ueppigkeit die des italienischen Südens übertrifft, ergötzen können und sich dann wieder in eine nordische Umgebung mit Eichen-und Föhrenwäldern, mit Ginster und anderen deutsch anmutenden Pflanzen versetzt glauben. Und diese merkwürdigen Gegensätze des Klimas, wie sie in solcher Flora und solchen Naturspielen sich widerspiegeln, dem kranken Menschen nutzbar zu machen, das muß eine große und dankbare Aufgabe sein. Wir können den Einfluß des Klimas auf den tuberkulös ernster Erkrankten, also den Schwindsüchtigen, nur dann verstehen, wenn wir als einen der Gründe für die Entstehung der Schwindsucht aus der tuberkulösen Infektion das Daniederliegen der Widerstandskraft des Kranken, eine verminderte Energie des Stoffwechsels annehmen. So sind denn auch die in der deutschen Heilstättenbehandlung so erfolgreich verwandten Maßnahmen -Freiluftknr, Hydrotherapie, reichliche Ernährung und anderes mehr -eben Mittel, den Stoffwechsel anzuregen. Längst rechnen die Aerzte, die überhaupt klimatische Einflüsse auf den Kranken anerkennen und sie studiert haben, auch die Wirkung des Höhenklimas zu diesen Mitteln, und für sie bringen die physiologisch-exakten Untersuchungen L o e wy s über die Wirkung des Höhen-und Seeklimas auf den Menschen I) Bestätigung alter Erfahrungen. Mit diesen letzteren übereinstimmend ergeben Loewys Untersuchungen, daß dasSeeklima, ebenso wie dasllöhenklima, imstande ist, die Stoffwechselprodukte zu steigern, bei dem einen mehr, bei dem andern weniger, bei dem einen für eine längere Zeit, bei dem andern für kürzere. Wenn dann die Arbeit zu der Schlußfolgerung kommt: »See-und Höhenklima sind jedenfalls keine indifferenten Heilpotenzen, die jedermann ohne weiteres benutzen darf; sie werden da am Platze sein, wo wir anregen wollen, sie werden da mit Vorsicht zu verwenden sein, wo schon Erregungserscheinungen irgendwelcher Art bestehen," -so decken sich diese Sätze wie andere, die auf die Notwendigkeit individueller Auswahl der Kranken bei Ueberführung in Höhen-und Seeklima verweisen, vollständig mit dem, was Verfasser seit Jahren vertreten hat, und was bezüglich des Höhenklimas und seiner Indikationen für Lungenkranke nach jahrelangen Erfahrungen in folgenden Sätzen zusammengefaßt werden konnte: "Fiebernde Kranke, deren Kräftezustand noch ein guter ist, und deren Lungenaffektion eine nicht ausgedehnte ist, sollen sofort ins Hochgebirge gesandt werden. Bei weniger kräftigen Kranken und bei ernsterer Lungenaffektion ist, ein Kurort mittlerer Höhe oder die Tiefebenen zu wählen. Anämische Zustände sollen bei Unsicherheit der Indikation für die Wahl eines höheren oder niedrigeren Kurortes den Ausschlag für den letzteren geben.") Trotz dieser allgemein ausgesprochenen Erfahrungssätze ist aber der Verfasser mit Loewy darin einig, daß man »a priori nicht sagen kann, bei wem das eine Klima wirksamer ist als das andere, ob überhaupt wirksam", und das Ausprobieren, wie es nicht selten seitens des Verfassers durch Ueberweisung von Kranken in andere Kurorte versucht wurde, bleibt eine unvollkommene Prüfung der Frage, solange nicht ein und derselbe Arzt Beobachtung und Behandlung des Kranken in jedem der gewählten Kurorte in der Hand behält.
doi:10.1055/s-0029-1187699 fatcat:iel24vy42zfzbgb4mvb54dbgo4