Sie konnten zueinander nicht finden? : moraltheologische Überlegungen zum Verhältnis zwischen Glaube und Moral [article]

Stephan Goertz, Universitaet Tuebingen
2021
Theorie für den Gottprotz? "Der Gottprotz muß sich nie fragen, was richtig ist, er schlägt es nach im Buch der Bücher. Da findet er alles, was er braucht. Da hat er eine Rückenstütze. Da lehnt er sich beflissen und kräftig an. Was immer er unternehmen will, Gott unterschreibt es. ( ... ) Der Gottprotz traut der Vorvergangenheit und holt sie zu Hilfe. Die Finessen der Neuzeit sind überflüssig, man kommt viel besser ohne sie aus, sie machen nur alles komplizierter. Der Mensch will eine klare
more » ... rt wissen, und eine, die sich gleichbleibt. Eine schwankende Antwort ist nicht zu gebrauchen. Für verschiedene Fragen gibt es verschiedene Sätze. Es soll ihm einer eine Frage sagen, auf die er keine passende Antwort fände. ( ... ) Wenn der Gottprotz zornig wird, bedroht er sie, nicht mit seinen Worten. Es gibt bessere Worte, die Menschen zu peitschen. Dann stellt er sich mit geblähtem Stimmsack auf, als stünde er persönlich am Sinai oben und donnert und droht und speit und blitzt und erschüttert das Gesindel zu Tränen. Warum haben sie wieder nicht auf ihn gehört, wann werden sie endlich auf ihn hören?" 1 Keine Frage, Elias Canettis spielerisch-satirische Versammlung von fünfzig Charakteren kennt sympathischere Vertreter als den Gottprotz. Endet der Versuch, aus dem Glauben zu handeln in unerschütterlicher Selbstgewissheit, die immer schon weiß, was zu tun ist und dies auch die anderen spüren lässt? Ist die Welt so schlecht, weil die Menschen immer weniger auf die ewigen und festen Wahrheiten des Glaubens hören? Der Gottprotz "kennt die Dummheit der Menschen und bedauert sie, sie könnten es soviel leichter haben. Doch sie wollen nicht. Sie meinen in Freiheit zu leben und ahnen nicht, wie sehr sie sich selbst versklavt haben. " 2 Sind Christen Gottprotze? Wenn sie es aber nicht sein wollen, was bleibt dann vom Glauben an Gott und seine Wahrheit für unser Handeln noch übrig? Es ist augenscheinlich keine einfache Beziehung, die Beziehung zwischen Glaube und Moral, zwischen Theologie und Ethik. Dabei scheinen die Dinge auf den ersten Blickvon beiden Seiten aus betrachtet -recht einfach zu sein. Wenn wir glauben, dass sich in Jesus Christus Gottes Liebe zu uns Menschen auf endgültige Weise geoff enbart hat, wie kann dann unser Handeln davon unberührt bleiben? Brauchen wir 1 E. Canetti, Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere, Frankfurt 1983, 87f. 2 Ebd. 88.
doi:10.15496/publikation-53314 fatcat:veulzu3un5esneduyq5ziz6vzu