Zur modernen Lichttherapie

G. P. Drossbach
1901 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Mit der Vervollkommnung der bakteriologischen Forschungsmethoden nahm die von altersher geübte Lichttherapie allmählich eine durch exakte Forschungsmethoden controllirbare Form der Heilkunet an. Man hatte bald erkannt, dass die Mehrzahl der pathogenen Mikroorganismen durch kräftige Belichtung in ihrer Entwickelung erheblich gehemmt werden. Da die dabei auftretende massige Temperaturerhöhung eher günstig auf die Vermehrung einwirkt, musste man den kurzwelligen grünen, blauen und violetten
more » ... nd violetten Strahlen den entwickelungsliemmenden Einfluss zuschreiben. Da sich ferner neben dem Sonnenlichte besonders das elektrische Bogenlicht als hervorragend wirksam erweist und dieses letztere reich an kurzwelligen, insbesondere ultravioletten Strahlen ist, war man geneigt, gerade den letzteren besonders intensive mikrobizide Eigenschaften zuzuschreiben. Schon Secchi benutzte 1873 und seitdem der Spektroskopiker täglich Eisenelektroden-Bogenlampen, da diese ein im ultravioletten Spektrum sehr linienreiches Bild geben. Dieser Umstand scheint die Verwendung dieser Lichtquelle für therapeutische Zwecke neuerdings veranlasst zu haben. Da das gesammte ultraviolette Spektrum, soweit es ausserhalb des Gebietes des Sonnenspektrums liegt, ein discontinuirliches Linienspektrum ist, so kann man durch Verwendung einer geeigneten Legirung (Eisen, Cobalt, Nickel, Chrom, Mangan, Cer, Lanthan und Yttrium) ein so linienreiches Spektrum erhalten, dass ich dasselbe für das Studium der Absorptionserscheinungen im äussersten Ultraviolett benutzen konnte. Das Studium dieser Absorptionserscheinungen zeigte mir nun, dass es so gut wie ausgeschlossen ist , dass Bakterien , die sich auch nur lilo mm unter der Hautoberfläche befinden, von ultravioletten Strahlen beeinflusst werden können. Schon Helmholtz legte sich s. Z. die Frage vor, warum unser Aug ultraviolettes Licht nicht sehen könne. Er nimmt an, dass die Augenmedien diese Strahlen absorbiren. Exaktere Untersuchungen stellten später Soret und de Chardonnet an. Der letztere fand, dass der Humor aqueus alle kürzeren Wellen als 307 absorbire. Da nun Wasser alle in Frage kommenden Strahlen durchlässt, kann nur der geringe Eiweissgehalt von 0,14 0/ die Absorption bewirken. Meine mit Hilfe eines Fluoritspektrographen angestellten Versuche zeigten nun, dass das völlig durchsichtige, äusserst dünne Schalenhautchen des Hühnereies alle Strahlen bis 320 p. vollständig absorbirt. Flüssiges Hiihnereiweiss (sonach eine 12 °/ ige Eiweisslösung) absorbirt alle kürzeren Wellen als 320 , stark verdünnt bis 300 Es sei bemerkt, dass diese Zahlen die eben noch erreichbare Lichtwirkung bei sehr langer Exposition darstellen. Nunmehr untersuchte ich den Einfluss der Strahlen verschiedener Wellenlänge auf das Wachsthum der Bakterien. Da die übliche Nährgelatine mit ca. 1 o/O Pepton ebenso undurchlässig ist, wie eine äquivalente Eiweisslösung , wurden p eptonärmere Nährböden b enutzt. D as in Folge der geringen Dispersion äusserst lichtstarke Fluoritspektrum wurde bei völlig geöffnetem Spalte direkt auf den Nährboden projizirt, jedoch ohne jeden Erfolg, wie vorauszusehen war, da selbst viel stärkere Lichtquellen ohne Einfluss auf das Bakterienwachsthum sind. Ich benutzte daher den Umstand, dass Glas alle kurzei Wellen bis 300 so gut wie vollständig, bis 400 sehr stark absorbirt. Die infizirte Nährgelatine wurde auf zwei Petrischälchen vertheilt, das eine derselben mit Hilfe des Eisenbogenlichts (1000 Watt) direkt, das andere durch das Glas bestrahlt, und zwar höchstens 10 cm vom Bogen entfernt, zwei Tage hindurch je 4mai 10 Minuten, also insgesammt 80 Minuten. Diese intermittirende Belichtung war nothwendig, da bei länger dauernder Belichtung die Gelatine abschmolz. Die Kolonieen entwickelten sich auf beiden Platten gleichartig, die Schimmelpilze am dritten, die Bakterien am siebenten Tage, und zwar sehr lebhaft. In einem andern Falle wurde eine Platte direkt sechsmal so lange bestrahlt, bis die Gelatine geschmolzen war. Nach sieben Tagen hatten sich die Kolonieen normal entwickelt. Der eutwickelungshemmende Einfluss ist sonach stets gleich gering, ob die Bestrahlung durch Glas oder Luft erfolgte. Lichtwellen, die kürzer sind als die uns durch das Sonnenlicht gebotenen, sind sonach für diese Zwecke werthlos. Berücksichtigt man noch die geringe Lichtstärke des Eisenbogenlichtes (bolometrisch gemessen) gegenüber dem Kohlenbogenlicht oder Sonnenlicht, so kann das erstere garnicht in Frage kommen. TJeberhaupt ist die mikrobizide Wirkung unserer künstlichen Lichtquellen viel geringer, als vielfach angenommen wird. Wahrscheinlich ist dieselbe gar nicht vorhanden, wenn die Mikroorganismen sich auf günstigstem Nährboden befinden. Pathogene Bakterien, die auf unseren künstlichen Nährböden an und für sich schlecht wachsen, mögen in diesen beeinflusst werden. l,\Tenn sonach eine Heilwirkung constatirt ist, kann diese nur auf die durch Lichtabsorption bedingte Erwärmung bezogen werden, 21. November. DEUTSCHE MEDICINISOHE WOCHENSC}TRIFT. 827 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1187191 fatcat:hfi2ufyx5nbbxmk6lyfrmkfina