Der verwundete Denker : ein Durchblick durch die Motivwelt Joseph Bernharts

Eugen Biser
2015
In einer der dramatischsten Szenen des Evangeliums macht sich Jesus den Selbsteinwand: »Jetzt werdet ihr zu mir sagen: Arzt, heile dich selbst!« (Lk 4,23) Ganz ähnlich gellt es dem Sterbenden in den Ohren, wenn er mit den Worten verhöhnt wird: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann steige vom Kreuz herab!« (Mt 27,40) Damit legen ihn seine Peiniger definitiv auf die Figur des verwundeten Arztes fest.1 Was sie freilich nicht ahnen können, ist die Tatsache, daß er sich entgegen ihrer Ver mutung »heilen«
more » ... er mutung »heilen« wird, und dies auf die denkbar wunderbarste Weise: durch seine Auferstehung. Indessen wird er, wie Joseph Bemhart am Schluß seines »De profundis« unvergeßlich sagt, als Auferstandener die Wundmale behalten. Er wird mit Wunden auferstehen: »Mit Wunden, aber mit verklärten.«2 Keiner hat das jemals schöner oder auch nur vergleichbar zu sagen vermocht. Das läßt einen Rückschluß auf den Sprecher dieses Satzes zu, der ihn vermutlich nur schreiben konnte, weil er selbst ein Verwundeter war und weil es ihm gelang, seine Verwundung in den Glanz seines Den kens und Redens umzusetzen. Von da führt schon ein kleiner Schritt zur Annahme, daß es neben seiner unbestreitbaren Genialität nicht zuletzt auch seine Leiden waren, die sein Denken öffneten und stimulierten, ja daß auf ihn wie auf keinen anderen Denker der pseudodionysische Satz zutrifft, daß das Gottesgeheimnis mehr noch durch Leiden als durch Forschen erkannt wird. Wenn aber das angenommen werden darf, liegt auch die Vermutung nahe, daß sich seine Themenwahl aus dieser Leidbehaftung erklärt. Doch worin bestanden seine Verwundungen? Die Leidensspur Wenn man die Leidensspur, soweit es noch angeht zurückverfolgt, so stößt man auf eine erstaun liche Affinität zu dem Denker, zu dem sich Bemhart trotz aller Gegensätze immer wieder hinge zogen fühlte: zu Nietzsche. WT ie dieser fühlte er sich schon als Kind vom göttlichen Blick -dem Auge im Dreieckssymbol der Trinität -getroffen, aber von vornherein in einem schmerzend ver setzenden Sinn.3 Dann die Szene mit dem Jungen, der im Erschrecken darüber, daß ihm Wort und 1 Näheres dazu in meiner Abhandlung »Theologie als Therapie. Zur Wiedergewinnung einer verlorenen D i mension«, Heidelberg 1985, 117f., 132-135. 2 Joseph Bernhart, De profundis, Weißenhom 1985, 192. 3 In einem Jugendgedicht fühlte sich der junge Nietzsche vom Blick Christi »ins Herz« getroffen und zur Nachfolge bewogen: »Du standst von ferne: Dein Blick unsäglich / beweglich / Traf mich so oft: Nun komm ich gerne.« Dagegen erklärt er in seinem >Zarathustra<: »Der Gott, der alles sah, auch den Menschen: dieser Gott mußte sterben! Der Mensch erträgt es nicht, daß solch ein Zeuge lebt.« Und in der späten >Klage der Ariadne< fühlt er sich geradezu »damiedergeblitzt« von dem »höhnischen Auge«, das ihn »aus Dunklem anblickt«. Dazu
doi:10.5282/mthz/3742 fatcat:ir7mptkayfcshgbz3fqx7zrfmy