Über Sparcassen

1850 Journal für die Reine und Angewandte Mathematik  
183 2l. Über Sparcassen. (Vom Herausgeber.)*) {Sparcassen, welche auch kleinere Einlagen annehmen und sie mit Zins und Zins vom Zinse zurückgeben, sind offenbar, besonders für den ärmeren und ärmsten Theil der Staatsgenossen eben so nützlich und wichtig, als nöthig. Der, dessen Ersparnisse gröfser sind, kann dieselben auch noch auf andere Weise auf Zinsen austhun und vielleicht höhere Zinsen daraus erzielen, als die Sparcasse zu gewähren im Stande ist. Kleine Ersparnisse dagegen lassen sich
more » ... Hülfe einer Sparcasse nicht verzinslich machen und bleiben also, ohne Sparcassen, gegen gröfsere in noch stärkerem Verhältnifs als dem ihres Betrages im Nachtheil. Auch sind Sparcassen eines der wahren und rechten Mittel, den Armen zu helfen und die Armuth zu mindern. Die richtigen Mittel sind nemlich die, welche den Bedürfligen die Wege öffnen und erleichtern, auf welchen sie, Niemand sonst schadend, sich selbst helfen können. Insbesondere sind es die, welche ihnen, aufser sachlich (materiell), auch sittlich (moralisch) nützen; und das letztere geschieht eben, wenn sie auf den Gebrauch und die Anstrengung ihrer eignen Kräfte sie führen. Was über diese Mittel hinausgeht, z. B. Almosen, auf welche überhaupt immer nur Der Anspruch hat, der nicht im Besitz seiner vollen Kräfte ist, oder ein Arbeitslohn, der den Werth der Arbeit übersteigt und der also ebenfalls nichts anders ist, als ein Geschenk, mögen für den Augenblick dem Empfänger sachlich nützen: aber sittlich nützen sie ihm nicht, sondern schaden ihm und, durch Rückwirkung, für die Folge auch sachlich. Jede Hülfe, die dem arbeitsfähigen Armen ohne Anstrengung seiner eignen Kräfte gegeben wird, ist Etwas, was Der, welcher seine eigenen Kräfte zu benutzen vorzieht, ablehnen wird, während ihre Wirkung an Dem, welcher sie sich mag gefallen lassen, meistens zu seinem eigenen Nachtheil, verloren geht. *) Diese Abhandlung ist zwar nicht für das Mathematische Journal insbesondere bestimmt, sondern vielmehr für das Publicum überhaupt: sie durfte indessen auch hier wohl an ihrem Orte sein, weil zur Begründung auch mathematische Rechnungen nöthig waren und also die Leser dieses Journals insbesondere geeignet und berufen sein dürften, den Gegenstand und den Zweck der Abhandlung fördern zu helfen. Creile's Journal f. d. M. Bd. XXXIX. Heft 3 25 Brought to you by | University of Iowa Libraries Authenticated Download Date | 6/9/15 7:45 PM 2J· Über Sparcassen. Da nun Sparcassen, möglichst vortheilhaft eingerichtet, recht wesentlich geeignet sind, den Ärmeren auf die möglichste Anstrengung seiner Kräfte hinzuleiten, während er durch das Sparen zugleich von vermeidbaren Ausgaben abgehalten und ihm also so doppelt, nemlich auch sittlich genutzt wird, so ist es gewifs sehr zu wünschen, dafs die Sparcassen wirklich möglichst vortheilhaft für die Sparenden angeordnet werden möchten; nemlich so, dafs aller Gewinn, der sich aus den Ersparnissen möglicherweise erzielen läfst, den Sparenden, ohne Abzug und auf die ihnen leichteste und zugänglichste Weise, zu Theil werde. Die möglichste Vervollkommnung der Sparcassen würde ein Vorschritt in der Lösung der grofsen, so unendlich wichtigen Aufgabe sein, die Armuth zu mindern: einer Aufgabe, deren Lösung bis jetzt leider! noch sehr im Rückstande ist, und die nur zu oft verfehlt wurde, wenn sie gleich, im Vorbeigehen bemerkt, sogar im weitesten Umfange, nicht unmöglich sein dürfte. 2. Die vorhandenen Sparcassen, so nützlich und dankeswerth sie auch schon aus den obigen Gründen sind, erfüllen ihren Zweck keinesweges vollständig, und bei weitem nicht in dem Maafse, wie es wirklich möglich wäre: aus folgenden Gründen. Erstlich. Sie sind gar nicht im Stande, die vollen Zinsen, welche sich aus den Einlagen, nach Abzug der unvermeidlichsten Verwaltungskosten, erzielen lassen, den Sparenden zu berechnen und zukommen zu lassen; besonders deshalb nicht, weil sie nothwendig einen namhaften Theil der Einlagen zinslos zurück-und zu den beständigen Rückzahlungen bereithalten müssen; was schon Das, was nach Jahren am Ende der Sparende erzielt hat, nothwendig in dem Verhältnifs des zinslos Zurückbehaltenen zum Ganzen vermindert. Mufs z. B. Einviertel der Einlagen zu Rückzahlungen zinslos zurückbehalten werden, so verliert der Sparende den gleichen Theil an Dem, was ihm sonst gewährt werden könnte. Zweitens erfordern viele einzelne Sparcassen zusammen offenbar mehr Verw T altungskosten, als für eine einzelne gröfsere, oder für eine einzige grofse Sparcasse nöthig sein würden. Die mehreren Verwaltungskosten vermindern aber wiederum Das, was der Sparende erzielt. Und' mehr, als was nach Abzug der Verwaltungskosten und des Verlusts der Zinsen desjenigen Theils der Einlagen, der zu den Rückzahlungen innebehalten werden mufs, von dem Ertrage sicherer Zinsen übrig bleibt, vermag keine Sparcasse, wenn sie auch auf keinen Gewinn der Unternehmer rechnet, den Sparenden zu gewähren. Brought to you by | University of Iowa Libraries Authenticated Download Date | 6/9/15 7:45 PM
doi:10.1515/crll.1850.39.183 fatcat:oewcrq5cozholfgggcq45pp7uy