Führungsentwicklung als Dressurakt

2014 Schweizerische Ärztezeitung  
Schweizerische Ärztezeitung | Bulletin des médecins suisses | Bollettino dei medici svizzeri | 2014;95: 43 Führungsentwicklung als Dressurakt? In der Schweiz und international können wir beobachten, wie sehr in Führungsentwicklung investiert wird. Die Initiativen dazu gehen selten von den Medizinern aus. Regelmässig wird das Management aktiv und möchte seine Vorstellungen trainiert haben. Auf eine Kurzform gebracht: Ärzte sollen das lernen, was Manager denken, dass sie nötig haben. Könnte es
more » ... n, dass hier eine Berufsgruppe dressiert werden soll? Die Auseinandersetzung um Führung findet vor dem Hintergrund eines weitreichenden und noch relativ unabsehbaren Wandels der organisierten Krankenbehandlung statt. Die Frage ist, welche Vorstellungen dieser komplexen Situation angemessen sind. Eine mögliche Antwort lautet: Leadership. Denn, Leadership bedeutet im Kern, mit den Paradoxien und Komplexitäten der jeweiligen Kontexte umgehen zu können. Kaum ein grosses Spital heute, das nicht in Führung investiert, kaum eine Chefarzt-Ausschreibung heute, die nicht den Nachweis einer Führungs-oder Managementweiterbildung verlangt. Ärzte sollen Führen lernen. Dieser Appell kommt in einer Zeit, in der Ärzte vielfach das Gefühl haben, weniger denn je im Spital zu führen. Die Einflusssphären verschieben sich im Rahmen eines Wandels, der grundlegender und weitreichender ist, als vielfach angenommen. Tatsächlich befindet sich das gesamte System der organisierten Krankenbehandlung im Umbruch -und der Ausgang dieses Umbruchs ist noch unabsehbar. Führung, und die verschiedenen Verständnisse von Führung, bilden in dieser Dynamik relevante Puzzlestücke, schliesslich geht es um die Frage, welche Akteure wie Einfluss nehmen können. Im Wandel Ärzte sehen sich heute auf mehreren Ebenen herausgefordert. Wohl am unmittelbarsten macht die vieldiskutierte Ökonomisierung der Medizin, mit dem zunehmenden Primat der Zahlen, zu schaffen. Zugleich, aber weniger deutlich in der Wahrnehmung, ist der Wandel hinsichtlich der Organisierung, der Spezialisierung und der Qualifizierung der Medizin. Das Organisierungsthema beispielsweise bildet sich in den vie-len Netzwerk-, Zentren-, Departementsbildungen und gelegentlich auch in Fusionierungen ab. Für die Mediziner relevant ist, dass sich ihr Platz als Person im Zentrum des Geschehens zugunsten organisierter Prozesse verschiebt. Weniger Orientierung an der Person, mehr Einbettung in multiprofessionelle und interorganisationale Kontexte sowie wachsende Abhängigkeit des ärztlichen Tuns sind die Folgen. Die fortschreitende Spezialisierung der Medizin leistet einen wichtigen Beitrag zum Wandel hinsichtlich der Organisierung der Krankenbehandlung. Hält man sich vor Augen, dass die Schweiz heute 114 Facharzt-und Schwerpunkttitel kennt und deren Zahl sich in den letzten 15 Jahren rund verdoppelt hat, kann man rasch erkennen, welche Ansprüche daraus nicht nur für die Behandlung von Patienten, sondern insgesamt für die Gestaltung der Prozesse der Organisierung entstehen. Analoges gilt für das Qualitäts-bzw. Qualifizierungsthema: Reichten in den 70er Jahren noch die impliziten Qualitätsmassstäbe der Profession, werden heute Messungen und Nachweise ganz anderer Art verlangt. Von Morbiditätsindizes über Peer Reviews bis zu peinsamen Nachfragen der Krankenversicherer reicht der Kranz der Messoder Überprüfungsverfahren, denen sich Mediziner ausge setzt sehen. Kein Wunder, klagen Ärzte über massiv empfundene E inschränkungen ihrer ursprünglichen (grossen) professionellen Autonomie. Ökonomisierung, Organisierung, Spezialisierung und Qualifizierung sind vier zentrale Entwicklungsbewegungen, die die Erbringung medizinischer Leistungen neu kontextualisieren. Diese vier Bewegungen sind teilweise einander verstärkend, teilweise aber auch zentrifugal wirkend. Klar ist jedenfalls, dass sich der Kontext ärztlichen Handelns -und damit auch ärztlichen Führens -drastisch verändert und weiter verändern wird. Nicht umsonst untersuchen heute Chefärzte-Gesellschaften, warum zunehmend Chefärzte vorzeitig ausscheiden, und diskutieren an ihren Tagungen unter Titeln wie «Lohnt es sich noch, Chefarzt zu sein?» Korrespondenz: college M Freiburgstrasse 41 CH-3010 Bern Tel. 031 632 30 26 Fax 031 632 30 25 info[at]college-m.ch «Kein Wunder, klagen Ärzte über massiv empfundene Einschränkungen ihrer ursprünglichen (grossen) professionellen Autonomie.»
doi:10.4414/saez.2014.03007 fatcat:eyqvzgg2xvekbbo7ex3i5owhky