Editorial. Welche Zukunft hat der ,arbeitende Staat'? Perspektiven wohlfahrtsstaatlicher Akteure, Professionen und Praktiken [article]

Karin Gottschall, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Berthold Vogel, Universität Bremen
2021
Welche Zukunft hat der ,arbeitende Staat'? Perspektiven wohlfahrtsstaatlicher Akteure, Professionen und Praktiken Es ist merkwürdig: Auf den ersten Blick kommt in der veröffentlichten Meinung hierzulande der staatliche Sektor in der Regel recht gut weg. Das wurde zuletzt wieder in den Tarifkonflikten im Frühjahr 2014 deutlich. Die durch Streikaktionen bekräftigten Forderungen der Tarifbeschäftigten des Bundes und der Kommunen stießen in der Öffentlichkeit durchaus auf Verständnis. Es besteht
more » ... enbar ein breiter gesellschaftlicher Konsens, dass ein auf Basis 'fairer' Arbeits-und Entlohnungsbedingungen leistungsfähiger öffentlicher Dienst der Gesellschaft, also uns allen, gut tut. Strittiger wird die Rolle und Funktion der öffentlichen Hand schon bei der Frage der Finanzierung. Der Wohlfahrtsstaatskonsens ist stark, aber auch die Klage über zu hohe Steuern und Abgaben ist nicht zu überhören. Das Bild verändert sich schließlich noch einmal, wenn es konkret wird und das Verwaltungshandeln bzw. die bürokratische Praxis in den Blick kommt. Urteile von Bürgerinnen und Bürgern über die Bediensteten des Wohlfahrtsstaates klingen dann oft wenig positiv. Beklagt werden nicht nur Intransparenz und mangelnde Effektivität in den bürgernahen Bereichen, sei es bei der Arbeitsverwaltung, dem städtischen Krankenhaus oder der Kfz-Zulassungsstelle. Gegenstand der Klagen sind auch die als besonders gesichert und daher im Vergleich zur Privatwirtschaft als privilegiert wahrgenommenen Arbeitsverhältnisse der öffentlich Beschäftigten sowie deren angeblich fehlende Bereitschaft zu Innovation und kreativem Umgang mit Problemen. Gefordert werden dann nicht selten Anpassung an den Markt und mehr Leistungsbereitschaft. Kurzum, wenn es um den öffentlichen Sektor geht, dann gilt: je hehrer das Prinzip, umso größer die Zustimmung; je konkreter die Praxis, umso kritischer die Bewertung. Dieses Spannungsverhältnis hat in der sozialwissenschaftlichen und insbesondere auch soziologischen Wohlfahrtsstaatsforschung bisher allerdings kaum Beachtung gefunden. So konzentriert sich die Analyse wohlfahrtsstaatlichen Handelns in der Regel auf die Beschreibung des Wandels von Institutionen, Märkten und Programmen, zum Teil auch auf deren Auswirkungen auf Bürger/-innen und Leistungsempfänger/-innen. Wenn die Akteure in den Blick genommen werden, dann als Teilnehmerinnen und Teilnehmer politischer Prozesse bzw. als Handlungsträger von Implementationsprozessen rechtlicher und fiskalischer Reformen. Das Dienstpersonal und sein Amtsethos, die Beschäftigten und ihre Arbeitsbedingungen bleiben dagegen häufig unberücksichtigt. Insofern wird der Wohlfahrtsstaat als Arbeitsfeld, in dem Beschäftigte Dienste anbieten, Produkte herstellen und Leistungen erbringen, eher selten sichtbar. Von daher überrascht es vielleicht auch nicht, dass die Produktion eines Schwerpunktheftes zur Zukunft des ,arbeitenden Staates' schwerer fiel, als von den Herausgebern zunächst vermutet wurde. Das Angebot an forschungsbezogenen
doi:10.26092/elib/642 fatcat:6rgz75ply5gefku3bskuwkfga4