Der Flecktyphus im Kreise Obornik im Jahre 1878

1879 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
B e h a n d I u n g. Vielleicht '/ sämmtlicher Erkrankten befand sich in geordneter, regelmässiger , ärztlicher Behandlung und Pflege , bei dem grösseren Theile wurde zu Anfang oder zu Ende der Krankheit ärztliche }liilfe nachgesucht , einige auch waren ohne jede Behandlung. So lange das Fieber anhielt, gab ich den Kranken täglich 6-8 Grm. Natr. salicylic.; daneben Excitantien , kräftige Suppen und Milch. 1m Erankenhause wurden ausserdem noch nasskalte Abreibungen gemacht, die in der
more » ... e in der Privatpraxis aus der hier angeborenen Wasserscheu unterblieben. -Im ganzen varen erkrankt 154 Personen, von denen 22 starben; circa 70 Personen sind von mir behandelt worden , darunter einige dreissig, die ich von Beginn der Krankheit bis zur Genesung beobachten konnte, wahrend ich die übrigen nur 1-2 mal gesehen habe. -Ergriffene Schutzmaassregeln. Das altehrwürdige Regulativ vom Jahre 1 835, welches noch immer unserem amtlichen Wirken als Richtschnur dienen soll , zeichnet sich wohl mehr durch sein hohes Alter als durch die Zweckmässigkeit und Durehführbarkejt der dort angegebenen Maassregeln aus, eine Thatsache, die auch bereits i m J a hre J 873 im Cultusministerium als solche anerkannt worden ist. In dem genannten Jahre wurden nämlich auf Veranlassung des Ministeriums sämmtliche Landräthe und Physik-er durch die Bezirksregierung aufgefordert, diejenigen Paragraphen des qu. Begulativs, welche nach den bisherigen Erfahrungen einer Aenderung bedürften, unter Angabe der Motive anzugeben. Die Veränderungsvorscliläge sind jedenfalls in reichlichem Maasse von den Sanitätsbeamteu noch in demselben Jahre zur l{enntniss an Ort und Stelle gebracht worden und steht somit zu hoffen, dass wir das Erscheinen eines neuen zeitgemässen Regulativs bald begrüssen werden. Bis dahin muss jeder Physikus sehen, wie er in seinem Kreise fertig wird; jeder wird sich den ärztlichen Verhältnissen entsprechend das Nothwendige auf Grund seiner Erfahrung und seiner wissenschaftlichen Thätigkeit zusammenstellen müssen, um den Polizeibehörden wenigstens etwas zu liefern, mit den) sie was anzufangen verstehen. Es mag ja diese Art in vieler Beziehung ihr Gutes haben, da sie den Sanitätsheamten mehr zum selbstständigen Denken anregt; doch wird es sich hierbei schwer ermöglichen lassen, dass im ganzen Lande nach einem einheitlichen System verfahren werde. Und das halte ich doch für sehr nothwendig. Nach dieser kleinen Abschweifung, die durch die Umstände vielleicht gerechtfertigt erscheinsn mag, will ich zur Sache zurückkehren. -In der Bcsorgniss, dass die Typhus-Epidemie eine weitere Ausdehflung im Kreise annehmen könnte, zumal auch in den benachbarten Kreisen hier und da Fälle von Flecktyphus constatirt waren, in der weiteren Besorgniss, dass das noch zu Recht bestehende Regulativ, welches den Namen "Flecktyphus" überhaupt noch nicht kennt, nicht mehr ganz zeitgemäss und bezüglich seiner Durchführbarkeit äusserst umständlich sei, welche Besorgniss von dem hiesigen Landratlisamte luit mir voll getheilt wurde, versuchte ich es, diejenigen Schutz-und Desmfectionsmaassregeln, wie sie für hiesige Verhältnisse mir passend und durchführbar erschienen, in einer leicht verständlichen Weise zusammenzustellen. Diese Zusammenstellung , welche enthielt: Vorschrif ten für Jedermann, für die Ortspolizeibehiirden und endlich Vorschriften über Desinfection der Räume, Effecten, Leichen, Höfe, Latrinen etc. wurde von der kgl. Regierung genehmigt und sodann im hiesigen Kreisblatt veröffentlicht. Es würde mich hier zu weit führen, die näheren Details dieser Zusammenstellung zu besprechen, erwähnen will ich nur, dass aie sofortige Beerdigung der Leichen empfohlen wurde, dass Kinder aus unter der Mitredaction des Kreisphysicns Sanitätsrath Dr. Wiener in Calm. No.10. inficirten Häusern von dem Schulbesuch fern zu halten seien , dass Wohnungen und Hofräume permanent im Zustand der grösstmöglichen Reinlichkeit sich befinden müssten, dass der Verkehr mit Tvphushäusern wenn irgend möglich vollständig zu inhihiren und auf gute Beschaffenheit des Trinkwassers Bedacht zu nehmen sei. Bezüglich der auszuführenden Desinfection wurde den Gemeinden empfohlen, jedesmal eine bestimmte Person hiermit zu betrauen und die dadurch entstandenen Kosten aus Gemeindemitteln zu bstreiten. Den Behörden wurde nainentlieb aufgegeben, auf die Gasthäuser stets ein wachsames Auge zu halten, da in ihnen sich häufig durch Erkrankungen von umhervagirenden Subjecten ein Heerd bildet, der für die Weiterverbreitung von cIen verderbliebsten Folgen ist. Bezüglich der Vohnungen wurde besonders eine rege Ventilation empfohlen und der Jahreszeit entsprechend geradezu angerathen, die Krankenzimmer durch mehrstündiges Oeffuen von Fenstern und Thüren wenigstens theilweise von dem IufectionsstofF zu entlasten, eine Maassregel, die zu meiner Freude häufig ausgeführt wurde und auch vom besten Erfolg begleitet war. Soweit die Anordnung von Maassregeln. Die Ausführung derselben wurde controlirt durch Geusdarmen und die Polizeibehdrdeu, welche stets berichteten, dass die angeordnete Desinfection und die sonstigen Maassregeln nach Vorschrift ausgeführt wurden. Ich für meine Person habe sowohl bei den Insassen der .Typhushäuser als auch cien Ortsvorständen bei der Bekämpfung der Seuche nur selten ein Entgegenkommen gefunden , wie es der Wichtigkeit der Sache angemessen erscheint, muss daher auch bezweifeln , dass die angeordneten Maassregeln überall stricte zur Ausführung gekommen sind. Für die meisten Gensdarmen genügt es wohl, im Vorzimmer eine Schüssel mit Chlorkalk aufgefunden zu haben , um die vorscbriftsn]ässig ausgeführte Desinfection zu melden. -Eine Controlle durch den Sanitätsbeamten, wie sie jetzt in Schlesien eingeführt ist, wo der Sanitätsheamte die Anordnungen nicht nur an Ort und Stelle zu machen. sondern auch von Zeit zu Zeit zu controliren hat, dürfte für die hiesige Provinz von derselben Zweckmässigkeit sein. S e h I u s s b e t r a c h t u n g en. Der Fleck-typhus ist (lure!) Eisenbahn:irIiter aus Schlesien in den Kreis Obernik importirt worden , erlangte in mehreren Ortschaften ein e epidemische Ausbreitung, in vielen kam es nur zu ilausepideniien, Die Beschaffenheit des Trinkvassers scheint für die Entstehung und Weiterverlireitung nur von untergeordneter Bedeutung gewesen zu sein, eine Erfahrung, die auch in Oberschlesien im Jahr 76 und 77 gemacht worden ist. -Die %Veiterverbreitung erfolgte durch unmittelbare Ansteckung, welche in den meisten Fällen thatsächlich nachgewiesen werden konnte. Die Gefahr der Ansteckung ist um so grösser, je mehr die Kranlen in engen dicht bevölkerten der Ventilation nicht unterworfenen Räumen zusammengedrängt liegen; sie wächst mit der Grösse der Unreinlichkeit und Sorglosigkeit, mit welcher den primitivsten Forderungen (lcr Gesundheitspflege entgegengetreten wird; sie lässt sich verringern durch euergische Handhabung der Desinfections-und aller derjenigen Massregeln, welche bezwecken, einerseits den Krankheitskeim zu isolireii, andererseits die mit ihm in Berührung Kommenden permanent in einem solchen Zustande zu erhalten, dass clic Gefahr der Infection eine geringe ist. Dis Ideal der Gesundheitspflege, (las Auftreten von Epidemien ganz zu verhindern, oder wenigstens im Keim zu ersticken, wird wohl stets ein Pium desideruiini bleiben; doch müssen wir uns bemühen, wenn unsere Thätigkeít überhaupt einen Zweck haben soll, diesem Ideale zuzusteuern. Dass wir jedoch noch so sehr weit davon entfernt sind, liegt volii weniger an der Lässigkeit der Me(lizinal-und Verwaltungsbehörden, als vielmehr daran, dass in unserm Volke die Lehren der Gesundheitspflege noch keine Wurzeln geschlagen haben und mithin für die Zwecke (1erselben wenig Verstänilniss zu finden ist. Aus diesen Gründen bin ici) auch wenig geneigt, auf die jetzt wieder auftauchenden Gerüchte von bevorstehenden grossen Reformen ini Medizinaiwesen irgend welche Hoff-Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1233088 fatcat:3ycsmimlrna5pm5wakxckerkqu