[Rezension von] Uta Störmer-Caysa: Grundstrukturen mittelalterlicher Erzählungen, Raum und Zeit im höfischen Roman : Berlin: de Gruyter, 2007

Gert Hübner
2010
Im argumentativen Fluchtpunkt des Buchs steht die These, dass die Raum-und Zeitstrukturen (›Chronotopoi‹) höfischer Romane Funktionen der Protagonistenfigur sind und dass dies eine vormoderne Ð im doppelten Sinn des Anderen und Vorbereitenden Ð Form von Subjektivität darstellt. Insofern die Argumentationslinie darauf zielt, Gemeinsamkeiten zwischen Sinnmustern poetischer (›fiktionaler‹) Erzählungen und theologisch-philosophischen Raum-und Zeitkonzepten aufzudecken, handelt es sich um eine
more » ... wissenschaftliche Untersuchung historischer Bedeutungsordnungen. Die »Parallelität von Denken und Dichten« (S. 3) ist wegen der quellen-und teilweise auch chronologiebedingten Unmöglichkeit diskursgeschichtlicher Ableitungen mentalitätsgeschichtlich als Ausfluss gemeinsamer Lebenswelt gedacht; die Gemeinsamkeiten entstehen »mit einem bemerkenswerten zeitlichen Vorsprung der Dichtung vor dem Auftauchen paralleler Fragen in der Wissenschaft« (S. 239). Die Rekonstruktion ›theoretischen‹ Zeit-und Raumwissens konzentriert sich zielorientiert auf das Spektrum ›objektiver‹ und ›subjektiver‹ Modelle: Das im 13. Jahrhundert rezipierte aristotelische Konzept der ›objektiven‹ (von den Himmelsbewegungen bedingten) Zeit trifft in der scholastischen Debatte auf das für die Zeitgenossen ältere ›subjektive‹ (mentale) augustinische Zeitkonzept. Das aristotelische Konzept des nichtsubstantiellen Raums, der einen rein kategorialen Status als Lage und Ort von Ð als Subjekte räumlicher Prädikate gedachten Ð Körpern hat und deshalb weder leer noch unbegrenzt sein kann, wird in der scholastischen Debatte ansatzweise auf eine von den Körpern abstrahierende und in diesem Sinn ›objektivierende‹ Vorstellung hin geöffnet. Brought to you by | Universitaetsbibliothek Basel Authenticated Download
doi:10.5451/unibas-ep19440 fatcat:fmol6apm5jfapjmdhl3uz4pwxe