Von "Mutter Wolfen" zur "bösen" Wolf. Oder: Die fremdgesteuerte Metamorphose einer Schriftstellerin im Jahr der deutschen Einheit

Therese Hörnigk
1991 GDR Bulletin  
Hörnigk, Therese (1991) "Von "Mutter Wolfen" zur "bösen" Wolf. Oder: Die fremdgesteuerte Metamorphose einer Schriftstellerin im Jahr der deutschen Einheit," GDR Bulletin: Vol. 17: Iss. 1. https://doi.org/10. 4148/gdrb.v17i1.986 Mir dämmerte, warum ich über diese Zettel, über einzelne Sätze nicht hinauskam. Ich gab vor ihnen nachzuhängen. In Wirklichkeit dachte ich nichts (14f). Was bleibt erscheint unter diesen Gesichtspunkten als die Geschichte eines Versagens. Die Einsicht der Erzählerin in
more » ... der Erzählerin in die Verhältnisse, unter denen sie lebt, ist klar genug: "Aus einem Ort war die Stadt zu einem Nicht-Ort geworden, ohne Geschichte, ohne Vision, ohne Zauber, verdorben durch Gier, Macht und Gewalt. Zwischen Alpträumen und sinnlosen Tätigkeiten verbrachte sie ihre Zeit-wie jene Jungs in den Autos, die mehr und mehr meiner Stadt Sinnbild wurden" (35). Aus dieser Erkenntnis ergeben sich für die Erzählerin aber ebenfalls nur Alpträume und Unternehmungen, die ihr sinnlos erscheinen. Sie bricht ihre "Arbeitsmoral," "an der ich festhielt...auch weil sie imstande zu sein schien, Verfehlungen in anderen Moralsystemen auszugleichen" (27) und geht schon am Morgen einkaufen, da sie sich ohnehin nicht konzentrieren kann. Freunden und Bekannten muß sie als möglichen Spitzeln mißtrauen, Telefongespräche und Briefe sind in Code. "Für spontane Briefe war ich verdorben" (62). Sogar das Gespräch mit ihrem Mann im Spital wird durch die Fühllosigkeit, die sie erfaßt hat. gestört-"was waren mir Mann, Kinder, Bruder und Schwestern, Größen gleicher Ordnung in einem System, das sich selbst genug war. Das blanke Grauen, ich hatte nicht gewußt, daß es sich durch Fühllosigkeit anzeigt" (80). Dieses Grauen ist auch ein Grauen vor sich selbst. Die soeben zitierte Textstelle folgt der Episode vom Besuch des jungen Mädchens, das der Erzählerin ein Manuskript zum Lesen bringt. Sie ist ein alter ego der Erzählerin, aber eines, das sie nicht bereit war zu leben. "Mit diesem Mädchen trat etwas mir vom Ursprung her Verwandtes und zugleich ganz und gar Fremdes über meine Schwelle" (74). "Das Mädchen fragte nicht krämerisch: Was bleibt. Es fragte auch nicht danach, woran es sich erinnern würde, wenn es einst alt wäre" (79). Für seine Unbedingtheit war das Mädchen nicht nur vom Studium relegiert worden, sondern schließlich auch ins Gefängnis gekommen. Aber: "'Gefängnis' war das Wort, das unsere Verwandtschaft in Frage stellte" (75). In ihrem Bewußtsein von, ihrem Bemühen um Distanz läßt sich die Erzählerin nicht einmal die Adresse des Mädchens geben. "Keine Adresse. Das haben wir sauber hingekriegt" (79).
doi:10.4148/gdrb.v17i1.986 fatcat:n5scx5bchrgrxch4oehaclcgru