Zwei Fälle von Nitrobenzolvergiftung durch Kopfläusemittel

Lotte Wolpe
1920 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
In Nr. 50 der D. m. W. hat B o h I a n d einen Fall von Nitrobenzolvergifturig durch Einatmen eines LäuernitteIs beschrieben. Bohiand hat an der genannten Stelle auf die hohe medizinalpolizeiliche Bedeutung seiner Beobachtung hingewiesen. Aus diesem Orunde sowie auch mit Rücksicht auf das klinisch-toxikologische Interesse der hier interessierenden Fälle möchte ¡ch in alter Kürze uber zwei Fälle berichten, welche der B o h 1 a n d sehen Beobachtung in sehr vielen Einzelheiten gleichen. Es
more » ... gleichen. Es handelte sich urn je ein 10. und ein l2jähriges Mädchen, denen die Mutter mit einem in einer Drogerie gekauften Läusemittel, das gelblich-trübe aussah, den Kopf eingerieben hatte. Das lüjährige Kind wurde ungefähr zwei Stunden nach der Einreibung bewußtlos und soll blaß ausgesehen und Krämpfe gezeigt haben. In einer Rettungswache, in die es sofort gebracht wurde, wusch man ihm sofort Kopf und Haare und gab ihm ein Brechmittel. Danach erholte sich das Kind allmählich. Wir sahen es erst am Morgen des nächsten Tages. Es bestand noch eine geringe Zyanose der Haut und der Schleimhäute, sonst war das Kind beschwerdefrei. Das l2jährige Mädchen 'ertrug die erste Einreibung am Morgen recht gut. Darauf rieb die Mutter den Kopf am späten Nachmittag ein zweites Mal ein. Zwei Stunden darauf wurde das Kind nach Angabe der Angehörigen bewußtlos, sah blau aus und hatte Krätnpte. Es wurde nachts in unser Krankenhaus gebracht. Wir fanden ein zartes Mädchen in völlig bewußtlosem Zustande, das einen starken Geruch nach bitteren Mandein um sich verbreitete. Besonders die Haare rochen sehr stark nach bitteren Mandein. Die Haut zeigte eine blasse Farbe mit einem zarten Stich ins Blaugraue. Die Lippen und die sichtbaren Schleimhäute waren stark zyanotisch. Die Herzaktion war sehr beschleunigt, der Puls sehr klein, die Atmung ruhig, tief und regelmäßig, der Leib aufgetrieben. Die Wirbelsäule und die Extremitäten -besonders die Beine -waren steif gestreckt und ließen sich nicht beugen. Die Patellarreflexe varen gesteigert, Babinski war beiderseits positiv. Die Pupillen waren weit, reagierten aber prompt auf Licht. Von Zeit zu Zeit trat ein Anfall folgender Art auf: Der Kopf wird in die Kissen gebohrt, der Körper biegt sich in einem Kreisbogen maximal nach hinten (Opisthotonus), die Arme werden krampfhaft gestreckt. GleicliLeitig wird die Atmung mühsam, oberflächlich, beschleunigt. Es tritt Nasen flügelatmung ein. Der Puls wird weich und klein und setzt schließlich ganz aus. Der Anfall dauert ungefähr 3 Minuten. Wir wuschen sogleich die Haare und die Kopfhaut, die keine Schrunden aufwies, gaben Apomorphin subkutan sowie Kampferund Koffeininjcktionen und machten einen Aderlaß; das Blut, das aus der Armvene entnommen wurde, war sehr dick und sah fast schwarz aus. Trotzdem hielt die Bewußtlosigkeit an. Erst nach einer subkufanen Kochsatzinfusion (1/2 Liter) erwachte das Kind, erkannte dabei gleich seine Umgebung und war völlig klar. Der Urin war hell und klar, enthielt kein Eiweiß, aher 0,1 o/o Zucker, der am nächsten Tage verschwunden war. Am folgenden Morgen war das Kind völlig gesund, sah aber noch sehr zyanotisch aus. Auch als es 8 Tage später völlig gesund entlassen wurde, bestanden noch Spuren von Zyanose. Nach Angaben der Großmutter soll das Kind noch ein Jahr nach der Vergiftung sehr elend gewesen sein und oft gekränkelt haberí. In dem Inhalt der mitgebrachten Flasche mit dem Läusemittel wurde in unserer Apotheke N it r o benzol nachgewiesen. Wir meldeten den Fall sofort der Polizei, doch ging der betreffende Drogist, soweit uns bekannt geworden ist, straffrei aus. Da aber die Gefährlichkeit des Nitrobenzols auch bei der Benutzung als "Läusemittet" -also auch bei äußerlicher Anwendung -so grob ist, wie es sich auch in unseren Fällen in Uebereinstimmung mit denjenigen von Schultz') und Bohland gezeigt hat, so müssen wir die dringende Forderung erheben, daß das Nitrobenzol nur gegen polizeilichen Er-Iaubnisscheiri abgegeben wird und nicht, wie es jetzt auch möglich ist, gegen Giftschein an als zuverlässig bekannte Personen, und daß die Verwendung des Nitrobenzols als Läusemittcl bzw. Zusatz zu Kosmetika gänzlich verboten wird. Mit Bezug auf die Bohlandsche Beobachtung, daß die Exhalationsluft nach Nitrobenzol roch, ist zu bemerken, daß in unseren Fällen ein solcher Geruch fehlte. Wir lassen es unentschieden, ob die Vergiftung auf dem Wege der Inhalation oder durch Resorption von der Haut aus zustandekain, und wollen nur noch erwähnen, daß nach K oc Is ch2) die Aufnahme der aromatischen Nitrokörper als fettlöslicher Verbindungen auch durch die verletzte und unverletzte Haut erfolgen kann. ') M n,. W. 1915 Nr. 13. ) M m. W. 1917 Nr. 30. Nr.4 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1192413 fatcat:ecvbxixog5h7zibrqrcf7b2uqa