Zum Stande der bacteriologischen Choleradiagnose

1895 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die im Verlauf der letzten Jahre in Bezug auf die Choleravibrionen und andere ihnen ähnliche Vibrionen gemachten Erfahrungen haben uns mehr und mehr zu der Ueberzeugung gebracht, dass die bisher zur Identificirurig des Choleravibrio benutzten Merkmale nicht genügend charakteristisch waren, um die Sicherheit der bacteriologischen Clioleradiagnose in jedem Falle zu gewährleisten. Diese Thatsache wird zwar zur Zeit noch nicht von allen Autoren zugegeben, vielmehr sprechell sich berufene Forscher
more » ... berufene Forscher auch heute noch dahin aus, dass ein getibter Bacteriologe die Unterscheidung der Cholerabacillen von anderen ähnlichen Vibrionenarten recht wohl zu ermöglichen imstande sei. Allerdings werden auch die Grenzen dieser Aufgabe recht ungleich abgesteckt. Der eine will alles, was nicht vollständig in den Rahmen des typischen Bildes des Choleraerregers hineinpasst, von vornherein ausscheiden, der andere will sich darauf beschränken, nur die in den Dejectionen klinisch ausgesprochener Cholerafälle gefundenen typischen Vibrionen als echte Choleraerreger anzuerkennen. Bei einer derartigen Definition der Aufgabe schliesse ich mich der Ansicht unbedingt an, dass die bacteriologische Choleradiagnose ausserordentlich leicht und sicher ist. Ich kann aber die Richtigkeit der Auffassung nicht anerkennen, dass eine derartig willkürliche Abgrenzung der vorliegenden Aufgabe allen Anforderungen genügt, die an die bacteriologische Choleradiagnose zu stellen sind. Wenn man genöthigt gewesen wäre, alle atypischen Vibrionenculturen als der Cholera nicht zugehörig zu betrachten, so wären, wie ich später darlegen werde, Fälle der Beobachtung entgangen, die von grösstem epidemiologischen Interesse sind. Die Beziehungen, welche die eingehend studirten Choleraepidemieen der letzten Jahre zu den Flussläufen gehabt haben, nöthigen uns den Versuch zu machen, unsere Kenntnisse übèr die Art der Verbreitung des Choleraerregnrs ini Wasser zu erweitern. Wollte man bei den Wasseruntersuchungen die Forderung zur Richtschnur nehmen, dass alle atypischen Culturen als der Cholera nicht zugehörig auszuschliessen seien, so müsste man vorher festgestellt haben, dass die Choleravibrionen bei längerem Verweilen im Wasser ihr typisches Aussehen bewahren. Versuche, welche ich seit Jahresfrist über diesen Gegenstand anstelle, bringen mich zu der Ueberzeugung, dass echte, anfangs durchaus typische ViIn'ionen sich durch längeres Verweilen im Wasser in ihren morphologischen und culturellen Eigenschaften derartig zu verändern vermögen, dass sie vom typischen Verhalten der Kochschon Cholerabacillen viel weiter abweichen als die meisten der in vcchiedenen Gewässern unsererseits gefundenen Vibrionen, die man zur Zeit nicht mehr als identisch mit den echten Choleravibrionen ansehen kann. Ich werde diese Beobaèlïtungeñ, welche zeigen, wie viel schwieriger die Identificirung der Ko ch'schën Choleravibrionen wird, so bald man weiter geht und sich nicht auf die Untersuchung der Dejectioneñ vOn Choleràkranken beschränkt, später näher besprechn. M 9. 28. Februar 1895. Einundzwanzigster Jahrgang. Unser Institut ist im Besitz von circa 150 aus verschiederîen Gewässern isolirten Vibrionenculturen, bei denen die Frage über ihr Verhalten zu dem Ko oh'schen Cholerabacillus seiner Zeit offen gelassen werden musste. Ausserdem hatten die Untersuchungen von choleraverdächtigen Stühlen und Wasserproben im Jahre 1893 und 1894 in einigen Fällen zu Ergebnissen geführt, welche infolge der bisher unzureichenden diagnostischen Merkmale für die Choleravibrionen nicht mit der erwünschten Präcision und Sicherheit beurtheilt werden konnten. Nun hat R. Pfeiffer kürzlich Beobachtungen mitgetheilt, nach denen es gelingt, mit Hülfe des Blutserums gegen Choleraculturen hoch immunisirter Thiere durch einen Versuch am Meerschweinehen innerhalb kurzer Zeit sicher zu erkennen, ob eine gegebene Vibrionencultur identisch sei mit dem Koch'schen Choleraerreger oder nicht. . Angesichts der bedrängten Iage, in welcher sich die bacteriologische Choleradiagnose befand, mussten diese Mittheilungen, die uns ein Mittel zur Identificirung der Choleravibrionen in Aussicht stellten, das sich durch eine derartige Einfachheit und Sicherheit auszeichnete und sozusagen direkt. auf das Ziel, auf die Ausnutzung der specifischen Producto des Choleraerregers selbst, zwecks Erkennung desselben, losging, das allergrösste Interesse erregen. Für uns schien es durchaus geboten, die Methode näher kennen zu lernen und wir haben dementsprechend eine Anzahl von Versuchen damit angestellt. Die Aufgabe, welche ich mir vorgenommen hatte, ilämlich allé die oben erwähnten Culturen nach der Pfeiffer'schen Methode zu classificiren, habe ich noch nicht erledigt, weil uns die Mittel zur Fortsetzung der Versuche zur Zeit fehlen. Ich habe nun gesehen, dass sämmtliche Forscher, welche sich kürzlich über die P fe i f fer'schen Arbeiten betreffend die Specifität der Choleragifte und der Choleraimmunität, auf welcher die in Frage stehende Differenzirungsmethode beruht, ausgesprochen haben , eine solche Specifität nicht anerkennen, während meine Befunde auf das bestimmteste für das Vorhandensein einer solchen sprechen. Da das Pfeiffer'sche Diagnosticum meiner Ansicht nach berufen ist, eine eminente praktische Bedeutung zu erlangen, so halte ich es für angezeigt, meine Untersuchungen, soweit sie abgeschlossen alnd, dem Urtheil derjenigen zu unterbreiten, die sich mit dieser Frage beschäftigen. R. Pfeiffer hat gefunden, dass Cholerabacterien, wenn sie mit einer Spur von hochwirksamem Blutserum, das von Thiercu gewonnen ist, die mit Cholerabacterien vorbehandelt worden sind, gemischt in die Bauchhöhle von Meerschweinchen eingespritzt werden, dort innerhalb etwa einer halben Stunde vollständig aufgelöst werden, während andere Vibrionen bei derselben Versuchsanordnung völlig unbeeinfiusst bleiben. Er schliesst daraus, dass diese Thatsache sich zur Choleradiagnose in schwierigen Fällen, z. B. zur Identificirung von aus Wasser gezüchteten Vibrionenculturen mit Vortheil wird verwenden lassen. Ich habe bei den Untersuchungen, über welche unten berichtet werden soll, folgende von Pf e if f e r besonders empfohlene Versuchsanordnung gewählt. Eine bestimmte Menge des Serums choléraimmuner Thieré, welche in der Regel 20-40 mg betrug und in keinem Falle 50 mg überschritt, wurde mit 1 cern einer Aufschwemmung von etwa 3 mg Vibrionenoultur gemischt, die ungèfähr 24 Stunden lang auf schrägem Agar bei 370 C gewachsen war. Die Misehun wurde -einem Meerschweinchen intraperitonéäl Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1199686 fatcat:nuxzujtt5nhcvltbp6nymorkka