Canettis Blendung und die brennende Bibliothek : zur Literaturgeschichte des Autodafés

Alexander Honold
2008
In symptomatischer Fixierung schielt man bei diesem Buch immer nur auf das Ende. Von den über fün{hundert Seiten, die keineswegs über die gesamte Strecke mit einer geradlinig vorangetriebenen Handlungsfùhrung zu fesseln vermögen, konzentriert sich das Intelesse auf das Ereignis der letzten zwei, drei Absätze: das schockierende Finale mit der für mitfuhlende Leser ultimativen Katastrophe. 25. 000 Bände sind es, die im vierten und obersten Stock des Hauses Ehrlichstraße 24 lichterloh in Flammen
more » ... terloh in Flammen aufgehen. Die Wohnung umfaßt vier durch offene Flügeltr,iren miteinander verbundene Räume, "sämtliche Wände waren bis zur Decke mit Bùchern ausgeklei ¿s¡.. (B 22).r Zur Anschaffung war seinerzeit ein Millionenbetrag investiert worden, nur noch klägliche Restbestände des einstigen Privatvermögens verblieben dem Besitzer für den täglichen Lebensbedarf. Die grenzenlose Liebe zu den Büchern, so zeigt der desperate Fall des Sinologen Peter Kien in Elias Canettis Roman Die Blendung, bedeutet in letzter Konsequenz solipsistische Welwerneinuttg.' Das Leben im Kokon der Bücherwände macht untauglich für den Alltag und für das Zusammensein rnit anderen Menschen. Kien, der Bùchernarr, ist unftihig, auch nur das gerings te Gespräch ohne groteske Mißvers tändnis s e und Fehleiru chätzungen zu Ende zu bringen. Die Geschichte Kiens nimmt sich so pathetisch aus wie die Einsamkeit Kafkas, doch hat ihr Verlauf auch komische Züge und gleicht den grotesken Verrenkungen eines Buster Keaton, etwa in den slapstickartig verunglückten Liebesszenen. Seiner angeheirateten Haushálterin Therese schenkt Kienstatt der von ihr herbeigesehnten erotischen Triebhaftigkeit -Hosen, aber nicht die eigenen. Vertiefen soll sich die Ehelrau vielmehr in den schon etwas beschmutzten, deshalb für Kien entbehrlichen Roman Die Hosen des Herrn uon Bredow;dort gelangt sie indes über Seite 20 nicht hinaus .In Kien, so stellt sie fest, steckt einfach heinMann Weil er nie 1 Elias Canetti: Die Blerrdung. F¡ankfurt a.M. 1986. Im Tèxt unter der Sigle "8. fortlaufend mit Seitenzahl nachgewiesen. ' Zu^Motiv des Bibliophilen in der Moderne vg1. Markus Fauser: Eremiten in der Bibliothek. Canettis Büchermensch im Hinblick auf seine Verwandten bei
doi:10.5451/unibas-ep14558 fatcat:iqtytlwseneslccbquyeq3jph4