Wenn Corona aufs Gemt schlgt

Adrian Ritter
2020 Bulletin des Médecins Suisses  
in der Schweiz durchgeführt, um zu erfahren, wie es um deren psychische Verfassung steht. Was war das Resultat? Naser Morina: Fast 26 Prozent der Befragten zeigten im März Symptome von Angstzuständen und fast 21 Prozent solche von Depressionen. Diese Symptome treten in der Allgemeinbevölkerung der Schweiz etwa gleich häufig auf wie bei Gesundheitsfachpersonen. Wie hoch waren diese Werte vor der Pandemie? Etwa 15 Prozent der Allgemeinbevölkerung litten vor der Pandemie an einer Angststörung und
more » ... und sieben Prozent an einer Depression. Genaue Zahlen zu den Die Belastung durch die Pandemie entstand somit vor allem durch das erhöhte Arbeitspensum? Einerseits gab es die erhöhte Arbeitsbelastung für einen Teil der Befragten. Andererseits wissen wir aus Gesprächen und anderen Studien, dass die Gesundheitsfachpersonen durch Sorgen unterschiedlichster Art belastet waren: von der Befürchtung, sich oder andere anzustecken, über die Angst, Fehler zu machen, bis zu den fehlenden Therapien für COVID-19-Kranke, die ein Gefühl der Hilfslosigkeit erzeugen. Ich gehe davon aus, dass eine weitere Befragung tiefere Werte der psychischen Belastung zeigen würde -sofern nicht eine zweite Coronawelle kommt. Aber die ähnlich hohen Werte im März und Mai zeigen, dass die Coronakrise bei gewissen Menschen eine nachhaltige Verunsicherung ausgelöst hat. Deshalb können wir nicht einfach sagen: Jetzt ist alles gut, zurück zur Tagesordnung. Es ist wichtig, genau hinzuschauen, wer unter der Situation gelitten hat, wie es diesen Personen heute geht und wer Unterstützung benötigt. Sie entwickeln in Zusammenarbeit mit der WHO und der University of New South Wales ein Instrument für eine Kurzzeitberatung. Dadurch sollen Gesundheitsfachpersonen unterstützt werden im Umgang mit Stress und Problemen. Wie kam es dazu? Die WHO hat die Intervention «Problem Management Plus» ursprünglich für Krisensettings entwickelt, in denen es an Ressourcen fehlt und schnelle Hilfe für psychisch Leidende vonnöten ist. Die Intervention bewährte sich bereits in über 100 Ländern, etwa bei Opfern von häuslicher Gewalt oder bewaffneten Konflikten. Es ist ein niederschwelliges Angebot, das in wenigen Sitzungen Kompetenzen zur Problemlösung und zum Umgang mit Stress vermittelt und hilft, Resilienz aufzubauen. Es war daher naheliegend, «Problem Management Plus» auch in der Corona-Pandemie einzusetzen. Sie haben dazu das Instrument unter der Bezeichnung «RECHARGE» für Gesundheitsfachpersonen angepasst. Inwiefern? Im ursprünglichen Setting umfasst die Beratung fünf Sitzungen zu 90 Minuten. Das haben wir auf vier Sitzungen zu 60 Minuten angepasst. Und statt face-to-face finden die Sitzungen online per Videocall statt. Als wir mit der Anpassung begannen, richteten wir den Inhalt spezifisch auf das Thema Corona aus. Jetzt versuchen wir die Themen allgemeiner zu halten. Es soll darum gehen, den Stress in einer Pandemie-Situation zu bewältigen und sich auf zukünftige Krisen vorzubereiten. Deshalb bauen wir die Beratung modular auf, so dass sie sich einfach auf verschiedene Berufsgruppen und auch die Allgemeinbevölkerung anpassen lässt.
doi:10.4414/bms.2020.19120 fatcat:spjpw3uegbahzgcysbnixmk4wu