Höllische Künste. Georges Didi-Huberman psychologisiert Aby Warburg

Claudia Wedepohl
2011 Zeitschrift für Ideengeschichte  
Suhrkamp 2010, 647 S. mit 93 Abb. Ein knappes Jahr vor der Rückkehr in seine Privatbibliothek setzte sich der 57-jährige Kulturwissenschaftler Aby Warburg, der fünf Jahre zuvor schwer an einer Psychose erkrankt war, mit Sigmund Freud auseinander. «Gestern ab [en]d», so schreibt er am 14. September 1923 aus dem Schweizerischen Kreuzlingen an seine Frau Mary, «hat mir Ludwig B[inswanger] mal etwas genaueres über Psychoanalyse erzählt! Erschütternd, wie sich diese Heilkünstler seelenverderberisch
more » ... eelenverderberisch in den unterirdischen Slums der Menschheit herumtreiben. Freud ist ohne Zweifel ein satanisch kluger Mann, aber es stinkt in der Fechtschul. Das kann nicht zur Höhe führen und zur Ruhe! Das sind höllische Künste, dieses exhumieren spezieller Abwegigkeiten. -Ich muß aus diesem Milieu heraus, wenn ich mich selbst wiederfi nden soll.» Dies sind klare Worte des Vorbehalts gegen die revolutionäre psychologische Methode. Wenige Tage zuvor hatte Warburg sogar vom «stinkenden Abgrund» gesprochen, «den die Leute Psychoanalyse nennen». Heute weiß man, dass es ihm gelang, das Sanatoriumsmilieu wieder zu verlassen und in Hamburg eine letzte fruchtbare Schaffensperiode zu beginnen. Sie brachte freilich keine Publikationen mehr hervor, sondern mit dem fragmentarischen Corpus des Bilderatlas Mnemosyne, der, wie er selbst sagte, die «überlebende Prägekraft antiker Ausdruckswerte im europäischen Geisteshaushalt» demonstrieren sollte, nur ein geistiges Vermächtnis. Von Warburgs Tod an bildete das Fehlen einer ausformulierten Theorie einen Anknüpfungspunkt für seine Exegeten. Das gilt auch für den französischen Kunsthistoriker und Philosophen Georges Didi-Huberman, der eine umfangreiche Studie über den Vordenker der Bildwissenschaft verfasst hat, die nun auf Deutsch vorliegt. Im Zentrum dieser Arbeit stehen die strukturellen Übereinstimmungen, die der Verfasser zwischen der Form des Erinnerns, wie sie der Freudschen Psychoanalyse eigen ist, und Warburgs Modell des Nachlebens sieht. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei dem von dem Psychoanalytiker «Symptom» genannten «Sprung aus dem Seelischen ins Körperliche». Das Symptom stellt Didi-Huberman in diesem Gegenentwurf zu Ernst Gombrichs immer noch als Standardwerk geltender, obschon der Komplexität von Warburgs Denken kaum gerecht werdender Intellectual Biography von 1970 allerdings nicht zum ersten Mal ins Zentrum. Als epistemologischer Schlüssel zum allgemeinen Bildverständnis ist es dem Leser seiner Schriften bereits aus früheren Publikationen, etwa Devant l'image (1990), Ouvrir Venus (1999) und Ninfa moderna (2002) vertraut. In seiner neuen, dreiteiligen Untersuchung widmet sich Didi-Huberman aber erstmals ausführlich der Auslegung von Aby Warburgs Zeit-und Bildverständnis, indem er auf mehr als 550 Seiten über ein mit beeindruckender philologischer Sachkenntnis erstelltes Panorama anthropologischer, psychologischer, historiographischer und philosophischer Schriften von Darwin bis zu Binswanger an dieses heranführt. Überzeugend weist er so nicht nur in der Terminologie frappierende Analogien nach. Der erste Teil der Studie beschäftigt sich unter dem Titel Phantombild mit den anthropologischen Grundlagen von Warburgs kulturwissenschaftlichem Modell, also gleichsam mit der Frage des «Nach» im zentralen Begriff des Nachlebens. Dieser Terminus stehe, so Didi-Huberman, für einen radikalen epistemologischen Bruch mit jeglichem konventionellen Renaissanceverständnis, sei es linear, C l au di a Wedepoh l
doi:10.17104/1863-8937-2011-3-120 fatcat:7npanicbjrg5hlu7dc47qs2pt4