Psychiatrisches Gutachten

August Lotz
1877 Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten  
Zweiter &rz~ tier ~t~dtischen Irrenans~a]t zu F)mllkfurt. a. M. I. Thatbestand. Frankfurt a. Main, 7. Februar 1876. DerSchutzmann Carl Sutter, 50 Jahre ale, geboren in Langenhrficken in Baden,.. ist des Morales und der versuchten T6dtung angektagt. Am 15, October 1875, um halb 8 UhrAbends, wurde die geschiedene Ehef~au Bertha Hausmann in dem Gesch~ftslocal des Spezereih~ndlers Gutfleisch ffuf der Friedberger Gasse, in weichem sie :alS Ladnerin ,fungirte, dureh den Angeschuldigten durch einen
more » ... gten durch einen ReVolver'-Schuss, welcher ihr Herz durehbohrte, getSdtet. Beide batten sich im Winter 1870/71 kennen gelernt und seit jener Zeit ein: vertrautes YerhMtniss :unterhalten. --S u t t el: diente friiher bei dem Frankfurter Linien-Bataillon, trat dann zum hiesigen Gendarmerie-Corps fiber and wurde im Jahre 1867 in das Frankfurter 9 Sehutzmanns-Corps aufgen0mmen, in welehem er sich I abgesehen' yon einigen ~tigen und Disciplinar-Bestrafungen, zuffiedenstellend fiihrte. A]S~SChutzmann wurde er im Herbste 1870 nach Strassburg commandirt, wo damals B. Hausmann mit ihrem Manne im Hause ihrer Eltern, in welchem sich gleichzeitig d~s Potizei-Revier-Bureau befand, lebte. Die Ehe war keine gltickliche, und zwar, naeh Anscht ihrer Eltern, durch u des Mannes, welcher ein verschwenderisches, unordentliches Leben geftihrt und seine Ehefrau schlecht behandelt haben soll. Das VerhMtniss fiihrte 1874 zur 8cheidung tier mit zwei Kindern gesegneten Ehe. l~ach der Trennung genus die Hausmann zwar noch eines Kindes, welches aber kurz nach der Geburt starb. Sutter wurde mit der Get6dteten dadurch hekannt, dass er ihren Eltern bei Streitigkeiten, sowie sonstigen Differenzen mit der franzbsisch gesinnten BevStkerung sich gef'~.llig zeigte und niitzlieh zu machen wusste. Hierdurch kam es zu einem u mit der Tochter, das auch, nachdem er in ein anderes Revier versetzt worden war, fortgesetzt wurde, l~ach dem Zeugniss yon Schutzleuten sollen sich Beide hiichst verliebt geberdet: jedoch S utter sich nicht Bsychiatrisehes Gutachten. 341 discret benommen haben. Als Letzterer im August 1874 nach Frankfurt zurfiekberufeli worden, wurde das u auch dadureh nicht abgebrochen, sondern brieflieh fortgesetzt und eine Verehelichung in Aussieht genommeu. Am Tage ihrer Ehescheidung kam auch sienach Frankfurt und besuehte Sutter. Die Eltern waren der beabsiehtigten Verbindung ihrer Toehter nicht gfinstig~ namentIich als sie naeh ihrem Umzuge hierher erfuhren, dass Sutter eine ziemliehe AnzahI unehelicher Kinder habe und ein heftiger~ jiihzorniger, selbst dem Trunk nicht abgeneigter Mensch sei. Es wurde ibm das Haus seiner Braut verboten, uad dieselbe ging aucli anseheinend auf den Wunseh ihrer Eltern, alas Verh~ltniss zu 15sen~ ein; trotzdem war ihre Zun eigung zu Sutter keineswegs erloschen und das Band~ wie sparer aufgefundone Brief% welche Lust und Munterkeit athmen, beweisen, keineswegs getrennt. Am 15. October trat S u tt or, nachdem er vorher einige Wirthschaften besueht hatte, Abends halb 8 Uhr in den Laden yon Gutfleisch, wo die Hausmann Ladnerin war und sich durch ihr munteres und zugleich~anst~ndiges Benebmen die Zuneigung und Zufriedenheit tier GutfleischTschen Eheleute erworben hatte. Der Angeklagte forderte Cigarren und griff~ a]s ibm dieselben yon der Hausmann gereicht wurden~ in die Rocktasche, zog einen Revolver hervor und feuerte einen Schuss mit den Worten: ,Ich bin vorbereitet," gegen das ihm gegenfiberstehende Frauenzimmer ab, worauf dasselbe nach einigen Schritten zusammenbrach. Sutter ging hierauf fort, wie er sagte, in der Absicht, sich selbst zu tOdten, ~nderte aber, nachdem er die Nacht auf dem Kirchhofsweg zugebracht hatte, gegen Morgen seinen Entsehluss, kehrte in die Stadt zuriick und wurde bier yon dem Oberwiichter Kiefer und Naehtwiichter Bauer betroffen. Beide nahmen Anfan~s Anstand, da sie den Revolver mR Reeht bei ihm vermutheten, ihn alsbald zu verhaflen. Kiefer liess sieh vielmehr mit ibm in ein Gespr~ch ein, was ihn zutraulicb machen sollte, und bentitzte einen giinstigen Moment, um den Beklagten yon hinten zu packen. Dieser, kurz resolvirt, zog den Revolver und feuerte ihn, wie Nachtwiichter Bauer , der den Luftdruck versptirt haben will, aussagt, gegen ihn ab. Sutter dagegen giebt an, "er habe sich selbst tiidten wollen." Der Beschuldigte giebt die That zu, will aber ohne Ueberlegung gehandelt haben und behauptet, "es sei der Wunseh seiner Braut gewesen~ mit ibm, da so viele Hindernisse sich ibrer Verbindung in den Weg stellten, zu sterben." Diesem widersprechen jedoch si~mmtliche Briefe der Verstorbenen, welche im Besitz des Sutter gefunden wurden. Nach dem Beschlusse der Anklagekammer wird der Schutzmann Sutter angeklagt: l) am 15. October 1875 die separirte Frau Bertha Hausmann vorsiitzlich getOdtet und diese TSdtung mit Ueberlegung ausgefOhrt zu baben; 2) am 16. October 1875 den Entschluss, den Nachtwiichter Bauer vorsiitzlich zu tSdten, (lurch Handlungen~ welche einen Anfang der Ausftihrung des Verbrechens enthielten, betb~itigt zu haben. Er hatte mit der Ermordeten --einer jungen, liebenswtirdigen, yon ihrem Manne geschiedenen Frau --in einem zu Strassburg angekniipfien und J-ahre lang fortgesetzten innigen Liebesverhhltniss gestanden und will die That --nach seiner Angabe in tier Voruntersuehung --ohne Ueberlegung aus Eifersucht vertibt habeu, obwohl er, im Widerspruch mit diesem Motiv~ zugleich behauptete, die Hausmana babe in die TSdtung eingewilligt. Den T(idtungsversuch gegen Nachtw~chter Bauer
doi:10.1007/bf01969555 fatcat:iykvurf3jfcxhat6kqex72psgu