Ueber Diagnose sowie seltenere Begleit- und Folgeerscheinungen der Appendizitis.1). I

Hermann Kümmell
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Es könnte vielleicht überflüssig erscheinen, wenn ich im Kreise erfahrener Fachgcuossen auf das so gründlich besprochene Gebiet dei Appendizitis noch einmal hier zurückkomme. Als ich illi Jahre 1890 ant deni Koiigrcii der DCUÍSCHCII (ieselischaft für Chirurgie über die ersten Fälle von Resektion des Wurmfortsatzes zur Beseitigung der rezidivierenden Appendizitis berichtete und dic Behauptung autstellte, dal3 der Processus vermiformis -die Bezeichnung Appendix und Appendizitis sind erst spütcr
more » ... sind erst spütcr geprägt -die Ursache des als Perityphlitis bezeichneten Krankheitsbikics stets darstellte, schloß sich keijie Diskussion an ; das Gebiet war noch nicht erschlossen. Die Zahl der operierten Fälle, über welche ich damals berichten konnte, war nur 5. Einer war in England von T reyes, 2 von S e ii n in Chikago und 2 von mir operiert. Die Operationen von S e n n waren später als die meinigen erfolgt, die T r e y e s sche Operation wurde mir erst viel später bekannt, Sehr allmählich traten die Chirurgen der operativen Behandlung der Apperidizitis näher, und es hat fast ein Dezenniurn gedauert, bis die Frage der operativerl Wurmlortsatzbehandlung Oemeingut der Aerzte zu werden begann. Wie danit dic Zahl der Operationen, duren veche die erkrankte Appendix iiii Frühstadium oder im Intervall beseitigt wurde, sich voll Jahr zu Jahr vermehrte, welche zahlreichen Vorträge Lind Diskussionen in allen wissenschaftlichen Versammlungen des lu-und Auslandes statifandeu, wie lange Zeit um die operative und nicht operative Behandlung der verbreiteten Krankheit gestritten wurde, das haben die meisten von Ihnen mit erlebt. Die Zahl der von uns in den verschiedensten Stadien entfernten Wurmfortsütze hat bereits die Zahl 8000 überschritten und beträgt jetzt 8Ó00. Somit scheint die Fi-age der Appendizitisbehandlung abgeschlossen und. die Richtlinien für unser Handeln, welches in einem möglichst frühzeitigen Entfernen cIes erkrankten Wurmfortsatzes besteht, allgemein anerkannt uind naCh ihnen praktisch verfahren zu sein. Bei näherem Eingehen auf das vielgestaltene Bild der Appendizitis zeigt es sich jedoch, daß auf diesem Gebiet noch vieles klarzustellen ist und dal3 speziell die ch ro ois ch e App endiziti9 mit ihren eigenartigen, den Krankheitsherd vielfa ch verschleicrnden Symptomen cine noch recht wenig gekannte Krankheit ist und daß in einer sehr groß en Zahl von Fällen statt des eigentlichen Leidens anderweitige Erkrankungen diagnostiziert verden. So leicht im allgemeinen die Diagnose der akuten und der rezidivierenden Appenclizitis ist, wenn wir absehen von (len stets bestehenbleihenden differentialdiagnostischen Schwierigkeiten, mit Gallensteinen, mit dem Ulcus ventriculi oder duodeni, mit den selteneren Uretersteinen, toit Pyelitis, mit der Pneumonie des IKindesalters, mit tuberkuösen Mesenterialdrüscn und vor allem mit den jetzt in erschreckender Häufigkeit auftretenden Salpingitiden u. a., so schwierig ist sic bei der chronischen Appendizitis. Je mehr ich in den letzten Jahren darauf geachtet habe, vor und im Kriege und nach diesem, um so mehr buy ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß nicht nur von erlahrenerm praktischen Aerzten, sondern auch vomi anerkannten Klinikern in Hamburg und außerhalb die Diagnose sehr oft nicht gestellt wurde. Ich habe mehrfach Gelegen. heit gehabt, die Patienten an demselben Tage zu untersuchen und eine chronische Appendizitis als Ursache der lange Zeit bestehenden Beschwerden festzusteßen und spätem-auch operativ zu heilen, bei denen erfahrene Kollegen, deren Urteil und Kenntnisse ich hochschätze, die Ursache der Erkrankung nicht feststellten. Der Grund dafür liegt vor allem darin, daß der si ch e r s t e dia g n ostische Anhaltspunkt, der charakteristische Druckschmerz, nicht vorhanden war, jedenfalls nicht festi) Nach einem im Aerztlichen Verein am 8. II. 1921 gehaltenen Vortrag. Antonstraße 15 g e s t e Il t w e d e n k o n n t e. Die Gegend, in weicher der für die L)iagmosc der Appendizitis ausschlaggebende Schmerz auf Druck ausgelost wird, ist bekanntlich der naco dem amerikanischen Kliniker A'lc. Burney genannte Punkt. Ist dieser l'unkt bei der Palpation sctimerzhaft, so erscheint die Diagnos e der Appendizitis, abgesehen von den erwähnten ditte rentialdiagnostischeim Schwierigkeiten, sicher; im nega. tiven 1-alle müssen wir den Sitz der erkrankung in einem aiideren Organ suchen. Diese Beobachtung trifft ini akutell und suoakuten Stadium fast immer zu, zuwellen auch bei der rezidivieremiden, sehr ott ab e r nicht bei der cnronischen Appendizitis. Gerade bei der so sehr häufigen, auch als Appemidicitis larvata vomi E w a I d bezemchmmeten Form, bei welcher die Symptome nient aum die Appendix Pimmveisen, feint aim der typischen Stelle, wie ich sic wohl nennemi darf, am Mc. Burneyscheu Punkt, . die Druckempfindlichkeit. ID i e s e i n d e t s i e h a ne i mi e r a n d e r e n S t e il e , auf die ich gleich näher eingehen werde. Eine zweite wichtige Beobachtung, welche uns oft von dr Diagnose einer Appendizmtis ablenmct, ist der M a g e n s e h m e r z. Nicht etwa das subjektiv empfundene Schnierzgefühl ini Magen, die Ver. lagerung des Schmerzenipfindens an eine andere Stelle ais an dem wirklich pathologisch anatomisch alterierten Ort, wie wir das ja außer bei der Appendizitis bei den Gallensteinkoliken als sogenannte Magenkrämpfe, bei Nierensteinen und bei anderen Lrkrankurigen zur Genüge kennen. Ehe ich auf diese beidemi Punkte näher eimigehe, muß ich die Frage der abdominellen Druckpunkte als solche in ihrer Bedeutung für die Diagnose der Verdauungso rg a n e kurz berühren. Die Ansichten der verschiedeneim Autoren geheim darüber noch auseinander. B o a s hat .mehtfacii auf die große Bedeutung dieser Schmerzpunkte aufmerksam gemacht. Für to e i n e subjektive Auffassung und nach meiner langjährigen Erfahrung simid sie die sichersteim, objektivsten und kaum versagemiden diagnostischemm upd differential. diagnostisëhen Wegweiser. Ich will hier nicht auf die verschiedensten Druckpunkte am Oesophagus und an der Karclia, am Magen, an der Oalleiblase und an den anderemi einzelnen Gegenden eingehen. Es wird schwierig sein, ein Ulcus duodeni von einem Ulcus ventriculi clutch die erwähnten Druckpunkte zu unterscheiden. Als einwandfrei haben sie sich uns stets bei der Gallenblase und vor allem bei der Appemidizitis erwiesen. 1m allgemeinen wissen wir ja, daß da, wo der Krankheitsherd sitzt, sei es ein Entzündummgsherd. ini Knochen oder in den Weichteilen, sei es ein Tumor oder tin anderer pathologischer Zustand, auf Druck Schmerz ausgelöst ist. So verhält es sich auch in ausgesprochener Weise bei den Bauch. organen. Die erkrankte Gallenblase, sei es, daß sie als solche durch ihren pathologischen Inhalt geschädigt ist, sei es, daß sie durch Verwachsungen infolge cntzümmdlicher Prozesse der Nachbarorgane iii Mitleidenschaft gezogen ist, stets wird sie auf Druck schmerzhaft sein. Auch der erkrankte Magen, besonders wenn es sich um ein Ulkus handelt, zeigt im allgemeinen den charakteristischen Druck. schmerz in der Mittellinie, einige Finger breit unterhalb des Schwert. fortsatzes. Bei der Appendizitis ist die Stelle, die M e. B u r n e y für den Austritt der Appendix aus dem Zökum angab, schmerzhaft. Boas u. a., wohl mit ihm die Mehrzahl der Aerzte, halten die Schmerzhaftigkeit des Mc. Burneyschen Punktes für die Diagnose der rezidivierenden und chro. nischen Appendizitis, abgesehen von den erwähnten bekannten differentialdiagnostischen Schw je rigkeiten, für die bedeutungsvollste. Ich halte es für nahezu das einzig sichere Symptom, welches auf die Appendix ais demi Sitz der Krankheit hindeutet. Bei der akuten Appendizitis ist ja meistens die unis entgegentretende Symptomengruppe so überzeugend unid' klar, daß diagnostische Zweifel nur selten bestehen. Zum sicheren Nachweis der erwähnten Schmerzpunkte muß eine gewisse Vorsicht in der Technik beobachtet werden. Zunächst wird man die irreführende Hyperalgesie der Haut ausschalten, um unliebsame Irrtümer zu vermeiden, weiterhin muÏ3 ein zu starker Druck durch zu tiefes Eindringen des Fingers in die zu untersuchende Gegend, welche au und für sich bei sensiblen Personen Schmerz auslösen kann, vermieden werden. Dem Zeigefinger, mit welchem man den Druck ann besten regulieren und am zartesten ausübeñ kann, Nummer 21 Donnerstag, den 26. Mai 1921 47. Jahrgang Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1140669 fatcat:t6kgphbys5cstkelcx7ov2vowi