Christian Scholl: Revisionen der Romantik

Norman Kasper
unpublished
Trotz eines allgegenwärtigen Interdisziplinaritätsimperativs verläuft das Ge-spräch zwischen Kunst-und Literaturgeschichte in epochentypologischer Hinsicht eher schleppend. mit Blick auf die romantikkonzeptionen beider Disziplinen lässt sich das leicht einsichtig machen. Fällt es dem Literatur-historiker mitunter nicht ganz leicht, das Verpuffen frühromantischer ex-perimente in der historistischen Bedeutungshuberei des 19. Jahrhunderts unter die auspizien eines epochalen einheitsgedankens zu
more » ... eitsgedankens zu stellen, so ist auf kunstgeschichtlicher seite bereits fraglich, was sich denn überhaupt sinnvoll als ›frühromantisch‹ ansprechen lässt. Die schwierigkeiten bei der Frage nach möglichen historischen Verbin-dungen bildkünstlerischer und poetischer romantikpositionen potenzieren sich insofern, als sowohl Literatur-wie auch Kunstgeschichte häufig dazu tendieren, allein diejenigen wissensgeschichtlichen rezeptionshorizonte für maßgeblich zu erachten, die erst später konstituierte disziplinäre ab-grenzungs-, methodische Konsolidierungs-und wertästhetische Normbe-mühungen begründet haben. so hat die Literaturwissenschaft trotz aller visual und iconic turns einen Hauptteil der sog. neudeutschen malerei, der sich die anzuzeigende publi-kation widmet, bisher eher randständig behandelt. sicher, philipp otto runge und Caspar David Friedrich, die im 19. Jahrhundert in lediglich zweiter, wenn nicht gar dritter reihe unter diesem etikett historisiert wur-den, sind als ideengeschichtliche Gesprächspartner der modernitätsreflexi-ven Dichter und philosophen ›um 1800‹ fest etabliert. Während ihnen die erste reihe zugewiesen wurde, ist peter Cornelius, Friedrich overbeck, philipp Veit, Franz pforr und zahlreichen anderen der status als ernstzu-nehmende Dialogpartner weitestgehend verwehrt worden. Dies erscheint umso verwunderlicher, als seit langem klar ist, dass das 19. Jahrhundert in rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht runge und Friedrich keineswegs jene Vorbildlichkeit zugemessen hat, welche die notorisch mit runge-arbeiten aufgemachten Novalis-auswahlausgaben auch heute noch glauben machen könnten. Christian scholls umfangreiche studie zu den Revisionen der Ro-mantik im 19. Jahrhundert schärft das Bewusstsein für diesen Umstand und 205
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