Strafrechtsphilosophie [chapter]

Andreas Popp
2020 Strafrecht in der alten Bundesrepublik 1949–1990  
Einleitung Vor einigen Wochen -es war noch Sommer -bot sich dem 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs gleich zweifach die Gelegenheit, die Grenzen des kriminalstrafrechtlichen Lebensschutzes noch einmal neu zu vermessen. 1 Der Umgang mit dem freiverantwortlichen Suizid eines anderen Menschen stand in beiden Verfahren im Mittelpunkt, und angesprochen war damit nicht zuletzt auch die Frage einer allgemeinen strafbewehrten Pflicht, Suizidenten gleichsam vor sich selbst zu retten. Unterlassene
more » ... Unterlassene Hilfeleistung "bei Unglücksfällen" steht in Deutschland seit 1935 unter Strafe; 2 im Versuch, sich das Leben zu nehmen, kann nach heute vorherrschender Auffassung ein solcher "Unglücksfall" zu sehen sein. Ob das auch gilt, wenn sich das Suizidgeschehen gerade als reiflich überlegter, selbstbestimmter Akt eines fest zum Tode Entschlossenen präsentiert, ist allerdings zweifelhaft und bekanntlich umstritten. 3 In den Anfangsjahren der "Bonner Republik" hatte der Bundesgerichtshof diese Frage noch ausdrücklich verneint: Ein Unglücksfall sei "begrifflich und sprachlich ausgeschlossen, solange das verantwortliche Handeln des Selbstmörders die Lebensgefahr im wesentlichen so gestaltet, wie er es sich vorgestellt hat, und I.
doi:10.5771/9783748910862-563 fatcat:62gw4a4io5bxbgxq3u7oa25mb4