Ergebnisse und Grundsätze der Uebungstherapie bei der tabischen Ataxie1)

1896 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
In dem Zeitraum von fast sechs Jahren, welcher seit meiner ersten Mittheilung über die Behandlung der Ataxie der Tabiker verfiossen ist, sind von mir und Anderen eine beträchtliche Anzahl von Kranken-nach dem Prinzip der Uebung behandelt worden, so dass es jetzt möglich erscheint, sich ein einigermaassen absehliessendes Urtheil zu bilden über den Werth der Methode namentlich über die Verwendbarkeit derselben in den verschiedenen Stadien der Ataxie. Ein besonderes Interesse beanspruchen
more » ... anspruchen begreiflicherweise diejenigen Fälle, welche in dem letzten Stadium, dem sogenannten paralytischen, behandelt worden sind. In uncomplicirten Füllen handelt es sich, obwohl unter Umständen selbst einfache Muskelcontractionen nicht ausgeführt werden können, nicht um Lähmung, sondern um hochgradige Incoordination, um ungeeignete Verwendung der motorischen impulse, um eine atactiache Pseudoparalyse. Der Beweis liegt, neben anderen Gründen, in dem Erfolg der Therapie. Die Erfolge bei diesen schwersten Formen ebenso wie bei den mittelschweren sind proportional der Dauer der Behandlung, natürlich mit Berücksichtigung des Verlaufes der Krankheit selbst und der Individua1itt des Kranken. Wir haben daher den Versuch gemacht, einige Ataktiker, mit sehr kurzen, durch persönliche Verhältnisse gebotenen Unterbrechungen, fortlaufend ein halbes Jahr lang bis ein ganzes Jahr und länger zu behandeln, so lange irgend ein Fortschritt bemerkbar war. Diese Versuche, die nur an sehr wenigen Patienten ausgeführt werden konnten, sind eigentlich allein imstande, uns über den Werth der Methode erschtpfend aufzuklaren. Sie haben bessere Resultate ergeben, als wir selbst erwarteten, zum Theil, wie wir sehen werden, so glänzende, dass sie der Heilung -von der Ataxie natürlich, nicht von der Tabesgleichkommen. Was die Technik der Behandlung betrifft, so will ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen, da eine ausführliche Publication vorbereitet wird. Nur einige Worte scheinen mir unerlässlich. Obwohl, soweit mir bekannt geworden, die Aerzte, welche die Uebungstherapie anwandten, gute Erfolge erzielt haben, so sind mir doch mehrere Fälle zu Gesicht gekommen, wo die Misserfolge oder die ungentigenden Resultate weder durch die weiter unten zu besprechenden Contraindicationen noch durch ein Missverstndniss des Prinzips bedingt waren, sondern durch zu s tren g e s F e sthalten an den Uebungen, welche ich in meiner ersten Publication aufgezählt habe. Es waren jene Uebungen den speciellen Füllen angepasst, welche behandelt worden sind. Selbstverständlich passen diese nicht fOr alle Formen und Stadien der Ataxie. Vielmehr müssen je nach den Bedtirfnissen des einzelnen Falles vom Arzte die nothwendigen Uebungen gesucht werden, und es darf die Zeit und die Kraft des Kranken nicht vergeudet werden mit Aufgaben, welche ihm keine Schwierigkeiten bereiten. Namentlich muss vor dem htufig beobachteten Missbrauch der einfachen Muskelcontractionen gewarnt werden. Besserungen der Ataxie werden wohl immer erzielt werden. Es haben uns aber die Erfahrungen der letzten Jahre gelehrt, dass man an diese Besserungen viel grössere Ansprüche stellen darf, als es im allgemeinen geschieht. Ich stehe nicht an, den Satz auszusprechen, dass wenn in uncomplicirten Fällen von tabischer Ataxie, ohne dass etwa in dem rapiden Fortschreiten der Krankheit oder in sonstigen Ereignissen ein genügender Grund vorhanden wäre, diese Therapie keine hervorragend guten Resultate in der Hand des Arztes erzielt, so liegt das bestimmt an der Art der Anwendung der Methode. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dauernde Erfolge bei einigermaassen stärkerer Ataxie nur in Monaten zu erzielen sind. Um ein Schema für die verschiedenen Stadien zu erhalten, unter denen die Ataxie zur Beobachtung gelangt und denen die Therapie sich anzupassen hat, theilen wir sämmtliche coordinirten Muskelactionen des Körpers in drei Gruppen: Solche, welche den Körper oder einen Theil desselben in einer bestimmten Lage festhalten, fixiren: statische Coordination, z. B. Stehen in seinen verschiedenen Formen, Hocken etc. Solche, welche geregelte Ortsveränderungen des ganzen Körpers bewirken, z. B. Gehen, Springen, Laufen, Tanzen. Solche, welche coordinirte, d. h. zweckmässige Bewegungen eines oder mehrerer Theile (Glieder) des Körpers bewirken, wobei der Schwerpunkt des Gesammtkörpers nicht in Frage kommt, z. B. Bewegungen der Arme, der Beine, des Kopfes, des Rumpfès im Liegen und Sitzen. Selbstverständlich combiniren sich meistens diese drei Formen. Bei krankhaften Veränderungen aber der coordinatorischen Functionen zeigt es sich, dass halb die eine, bald die andere Gruppe vorzugsweise gestört ist, und zwar bildet die Störung der Gruppe I die leichteste, die Gruppe 3 die schwerste Form. Denn wir finden, dass im Beginn der Ataxie die Störungen sich auf die statische Coordination beschränken. Die Kranken schwanken beim Stehen mit geschlossenen Augen, sie können sich nicht auf einem Bein halten, nicht auf den Fussspitzen stehen, nicht springen, tanzen etc. Dabei werden einfachere und gewohnte statische Aufgaben, z. B. Gehen, sich Setzen, Aufstehen etc. ohne Anomalie ausgeführt. In vorgeschritteneren Stadien stellen sich Störungen der Coordination ein, i) Vortrag, gehalten im Verein für innere Medicin am 4. Mai 1896. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1204798 fatcat:xlrg2spg3jdg3owmrue5crjsk4