Psychologie der Gruppe

Hellmuth Metz-Göckel, Technische Universität Dortmund, Technische Universität Dortmund
2004
Gruppe 2002 2 1. Einführung 'Gruppe' ist eines der großen Themen der Sozialpsychologie. Weitere sind: Personwahrnehmung und Beurteilung, Einstellungen und Vorurteile, Kommunikation und Psychologie des Selbst. Gruppen sind überindividuelle Ganzheiten oder Systeme, in denen besondere Gesetzmäßigkeiten herrschen, die in einer Psychologie der Gruppe behandelt werden. Die Psychologie setzt in Theoriebildung und Empirie dabei stets am Individuum an und fragt nach Gesetzmäßigkeiten von Erleben und
more » ... von Erleben und Verhalten unter sozialem Einfluss. Neben den charakteristischen Prozessen in Gruppen wurde wegen des wichtigen Anwendungsbezugs immer wieder die Frage untersucht, ob Gruppen wirklich bessere Leistungen, mehr Kreativität und qualifiziertere Entscheidungen erreichen und größere Zufriedenheit bei den Mitgliedern erzielen als dies in der Einzelpersonensituation der Fall ist. Diese Erwartungen sind zugleich berechtigt und nicht berechtigt. Es gibt Gruppenphänomene, die unter bestimmten Bedingungen die positiven Erwartungen als fraglich erscheinen lassen: Viele Köche verderben den Brei. Andererseits kann Gruppenarbeit so gestaltet werden, dass die erwarteten positiven Effekte auftreten: Viele Pfennige ergeben einen Taler. Das Thema 'Gruppenarbeit' ist aktuell. In Schulen werden viele Formen von Gruppenarbeit praktiziert. Ebenso in anderen Organisationen. Vorteile liegen in größerer Motivation der Teilnehmer. In Arbeitsorganisationen kann dadurch mehr Flexibilität erreicht und bessere Qualität der Arbeitsergebnisse erzielt werden. 2. Definitionsproblematik Grundbegriffe: Nach HOFSTÄTTER kann man folgende 'Pluralbegriffe' für menschliche Gesellungsoder Kategorisierungsformen unterscheiden: Klasse (oder besser: soziale Kategorie) besteht aus Personen, die ein(ige) Merkmal(e) gemeinsam haben (z.B. Dortmunder Studenten, Rothaarige, Yuppies, Teenager). Die Personen stehen nicht in Interaktion miteinander. Verband: Ein gemeinsames Merkmal wird handlungsrelevant, und es liegt irgendeine Organisationsform vor. Auch hier gibt es keine Interaktion zwischen den Verbandsmitgliedern, die auch nicht selber aktiv werden. Sie haben das Entscheiden und Handeln in der Regel an einen Vorstand delegiert. Menge: Eine Anzahl von Personen, die sich (zufällig) zur gleichen Zeit irgendwo aufhält. Sie wird zur Masse, wenn die Menge gemeinsam aktiv wird (z.B. Stadion-Besucher, wenn ihre Mannschaft verliert, oder Panik im Theater) oder zur Gruppe. Gruppe ist ein unscharfer Begriff. Es lassen sich aber einige Kriterien formulieren, die gegeben sein müssen, um von Gruppe zu sprechen: es handelt sich um eine Menge von Personen, die untereinander in (face-to-face-)Interaktion stehen, die auch untereinander mehr Kontakt als mit Außenstehenden haben, ein gemeinsames Ziel und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ('Wir'-Gefühl) haben und eine Binnenstruktur (nach Rollen, Positionen, Aufgaben) ausbilden. Beispiel: Die auf die Sprechstunde des Dozenten wartenden Studenten sind keine Gruppe, denn sie haben kein gemeinsames, sondern nur das gleiche Ziel. Außerdem ist keine Binnenstruktur zu erkennen. Unter bestimmten Bedingungen kann sich aber beides einstellen z.B. der Dozent ist nicht da. Dann kann es eine gemeinsames Ziel (z.B. herauszufinden, wo er ist) und auch eine Binnenstrukturierung (Aufgabenteilung) geben: Der eine soll ihn zu Hause anrufen, die andere fragt im Sekretariat nach, andere gehen zum schwarzen Brett. Die Dyade wird von vielen Theoretikern als eine besondere Variante der Gruppe angesehen, die Familie ebenfalls; sie nimmt aber wegen der intensiven Sozialprozesse und ihrer Genese eine Sonder Gruppe 2002 3 stellung ein. (Diese beiden Gruppenformen werden in der Kleingruppenliteratur praktisch nicht behandelt.) Eine weitere begriffliche Unterscheidung wurde von Ardelt-Gattinger (1998, 4) vorgeschlagen: Interagierende G.: Die Gruppenmitglieder arbeiten interaktiv miteinander; sie sind voneinander abhängig und Kommunikation ist nötig, um die Aufgabe zu erfüllen, und koagierende Gruppen: Jede Person macht ihre Arbeit relativ autonom; die Personen erfüllen oft vergleichbare Aufgaben, wissen voneinander, sehen einander, kooperieren aber meist nicht miteinander: Verkäufer, Postbeamte, Zugschaffner, Putzfrauen. Allerdings stellen sie häufig gleichzeitig eine informell interagierende Gruppe dar, die beispielsweise starre Normierungen oder intensive gegenseitige Gefühle von Sympathie und Ablehnung schafft, die für die Erfüllung der Einzelarbeiten nicht notwendig und erklärbar wären. Gründe für spontane Gruppenbildung: SHAW (1981): 1. Attraktivität der Gruppenmitglieder: Alle Faktoren, die interpersonelle Anziehung erzeugen, können eine Rolle spielen: Physische Attraktivität, Sympathie, Ähnlichkeit, aber auch Komplementarität. 2. Attraktivität der Gruppenaktivitäten: Die Gruppe bietet interessante und beliebte Betätigungsmöglichkeiten; Befriedigung elementarer Bedürfnisse. Dies kann auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Zusammenhang, also das Affiliationsmotiv sein. 3. Attraktivität der Gruppenziele: von denen man auch persönlich zu profitieren glaubt. Insbesondere das Vorhandensein eines gemeinsamen Zieles. Die Gruppe erhält dadurch eine instrumentelle Bedeutung, und sie trägt dazu bei, die Bedürfnisse der Gruppenmitglieder im Hinblick auf ein potentielles Gruppenziel zu befriedigen, z.B. etwas herzustellen, einen Wettkampf gewinnen, eine Aufgabe zu lösen. 4. Attraktivität der Gruppenmitgliedschaft: Die Tatsache, Mitglied einer Gruppe zu sein, in der man seine Fähigkeiten und Meinungen mit denen anderer vergleichen kann, die einen bei der Erreichung individueller Ziele unterstützen und die im Vergleich zu anderen Gruppen besonders leistungsfähig und angesehen sind.
doi:10.17877/de290r-15605 fatcat:wfvsviqqu5eplokxfmjsigwf2m