‹Eine Einladung, nach innen zu sehen›. Micha Ullmans Bibliothek und andere Denkmäler zur Leere, zur Abwesenheit und zum Verlust

Stefanie Endlich, Kritische Berichte-Zeitschrift Für Kunst- Und Kulturwissenschaften
2016
‹Eine Einladung, nach innen zu sehen›. Micha Ullmans Bibliothek und andere Denkmäler zur Leere, zur Abwesenheit und zum Verlust Der Bebelplatz im Zentrum von Berlin-Mitte ist eine große, gepflasterte Fläche, umgeben von historischen Kulturbauten, mit denen Friedrich II. im 18. Jahrhundert programmatisch die Ideen von Aufklärung und Toleranz verkörpern ließ. Das Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 in der Mitte des Platzes ragt nicht in die Höhe, sondern ist in die
more » ... ndern ist in die Tiefe gebaut. An der Stelle des damaligen Scheiterhaufens schuf der israelische Bildhauer und Konzeptkünstler Micha Ullman im Jahr 1995 einen unterirdischen, hermetisch verschlossenen Raum mit leeren weißen Betonregalen. Er ist nur durch ein kleines Glasfenster von oben einsehbar. In der Scheibe spiegeln sich der Himmel, die umgebenden Gebäude und die Betrachter (Abb. 1). Das Motiv der Leere findet sich in diesem Denkmal auf drei Ebenen. Ein Loch ist in den Boden gegraben, eine würfelförmige Grube ausgehoben, ein unterirdischer Negativraum entstanden. Als nicht begehbarer Raum, der nur von außen erkundet werden kann und dem man nie ganz nahe kommt, verweist er auch auf die Schwierigkeit, sich dem Thema heute zu nähern, Jahrzehnte nach dem Geschehen. Leere Regalwände wiederum sind Sinnbild für den durch Verbrennung 1 Micha Ullman, Bibliothek, 1995, Bebelplatz Berlin Stefanie Endlich ‹Eine Einladung, nach innen zu sehen› kritische berichte 2.2011 62 und Vertreibung entstandenen Verlust, der nicht zu heilen ist. Darüber hinaus ist die große Platzfläche selbst, die noch Jahre nach dem Mauerfall als Parkplatz diente, frei geräumt und unbebaut belassen. Tagsüber ist das Denkmal eher zufällig zu entdecken, wenn einzelne Menschen oder Menschengruppen in der Platzmitte zusammenstehen und auf den Boden schauen. Nachts hingegen wird das Denkmal, ohne dreidimensionale Präsenz, zum weithin sichtbaren Zentrum des Platzes. Der unterirdische Kubus ist erleuchtet. Durch das Glasfenster strahlt das Licht über die leere Fläche und weckt die Neugier der Passanten. Durch Form, Spiegelung und Lichtwirkung weckt Micha Ullmans Kunstwerk eine Fülle von Assoziationen. Bewusst hat der Künstler es verschlüsselt angelegt. Er wehrte sich sogar -vergebens -gegen jene Bodentafeln am Platzrand, die den thematischen Bezug erläutern und auf einen auch an anderen Orten der Bücherverbrennung gerne zitierten Spruch Heinrich Heines verweisen. Der Negativraum ist, wie Ullman einmal sagte, «eine Einladung, nach innen zu schauen». 1 Im Bild der leeren Bibliothek fügen sich Verlust und Präsenz zusammen. Die Bücher sind nur im Kopf des Betrachters existent, als materielle Träger von Literatur und als geistesgeschichtlicher Zusammenhang. Auch die Glasplatte ruft viele innere Bilder und Gedanken hervor. Sie ist Fenster zu einem seltsamen Raum, der abstrakt erfahren wird, als perspektivisches Muster, zugleich aber auch als gegenständliche Installation mit klar erkennbaren Formen und inhaltlichen Bezügen zum historischen Geschehen. Nie ist der Raum jedoch ganz im Blickfeld, immer nur im Ausschnitt -auch dies ein metaphorischer Aspekt. Die Glasplatte ist ein Spiegel für den Betrachter und zugleich für die Umgebung, Reflektor eines Wechselspiels von außen und innen, von öffentlich und privat. Sie kann zugleich als Nahtstelle von Gegenwart und Vergangenheit gesehen werden. Und schließlich ist sie auch eine fragil erscheinende Grundfläche, die zu Betreten reizt, nicht ohne die Angst hervorzurufen, einzubrechen und in die Tiefe zu stürzen. Darüber hinaus ist das Kunstwerk ein Imaginationsfeld voller virtueller Bezüge, die sich, je mehr man sich auf diese einlässt, vernetzen und überlagern. Der Negativraum kann als Sinnbild eines Grabmals gedeutet werden, als Erdöffnung, deren Dimensionen vage bleiben, als ein Schutzraum vor feindlichem Zugriff oder als Symbol für das Freigraben verschütteter Geschichte. Manche mögen darüber hinaus an Golem in Gustav Meyrinks gleichnamiger und von Gershom Sholem besprochener Novelle denken, der in einem Zimmer ohne Zugang im Prager Ghetto eingesperrt ist und alle dreiunddreißig Jahre am Fenster erscheint; oder an das berühmte Gedankenexperiment von Schrödingers Katze, das die Schwierigkeit thematisiert, die Realität wissenschaftlich zu erklären. Auch das einfallende Tageslicht und die ausstrahlende Nachtbeleuchtung im Tag-Nacht-Rhythmus sind vieldeutig interpretierbar, als Energiezentren oder Ewiges Licht, wie wir es vom Totengedenken her kennen. Die Betrachter müssen sich schließlich bewegen, auf die Knie oder in die Hocke gehen, um den leeren Platzraum zu erkunden. Dabei können sie aus der Ferne wie eigenartige Tänzer oder Performer aussehen. Sie werden dann zum Teil des Denkmals und verwandeln den Platz in eine Bühne, die sie selbst bespielen. «Ich bin nicht sicher», sagt Micha Ullman, «dass die Arbeit so ruhig ist, wie sie aussieht». 2
doi:10.11588/kb.2011.2.33156 fatcat:zhjskn7i6zem3jp2ms3k5v7vaq