VON MARSYAS BIS KÜBLBÖCK. EINE KLEINE GESCHICHTE UND THEORIE MUSIKALISCHER WETTKÄMPFE [chapter]

Dietrich Helms
Keiner wird gewinnen  
Während er schreit, wird die Haut ihm über die Glieder gerissen, Und er ist nur eine Wunde: es rinnt ihm das Blut von dem Körper, Bloß sind die Sehnen, enthüllt, die Adern vibrieren ihm ohne Jegliche Haut; man könnte die Eingeweide, die zucken, Zählen und auch in der Brust die deutlich schimmernden Fasern« (Ovid, Metamorphosen, Buch 6, V. 387-391). Der Wettstreit als Horrortrip. Da findet jemand ein Instrument, übt darauf wie besessen, ein Autodidakt zweifellos, ein Typ von ganz unten, der sich
more » ... anz unten, der sich erheben will über seine Verhältnisse, seine eigene Bedeutungslosigkeit. Schließlich fordert er den besten Musiker heraus, den er kennt -einen Gott der Musik. Doch er hat keine Chance, denn die Jurorinnen stehen auf der Seite der Macht. Sie selber sind Teil des herrschenden Systems, singen zur Musik des Herausgeforderten. Und so muss der Verlierer für seine Anmaßung bezahlen. Er wird wahrhaft bloßgestellt, das Innerste nach außen gekehrt, schonungslos dem fremden Blick offenbart. Er wird geschunden, seine Haut zu Markte getragen -und dort vergeht sie, weht im Wind und zuckt noch im Reflex, wenn bestimmte Melodien ertönen -an einem Baum auf dem Markt von Kelainai in Phrygien. Die antike Sage vom Wettstreit des Silens Marsyas gegen den Gott der Harmonie Apollon, mit der meine Geschichte des musikalischen Wettkampfs in der europäischen Kultur beginnt, ist heute nach Deutschland sucht den Superstar noch genauso aktuell, wie sie es zu Ovids Zeiten war. Musik eignet sich zum Wettbewerb, doch sie braucht ihn nicht. Es gibt lange Abschnitte in der Musikgeschichte und im Verlauf der Geschichte viele musikalische Kulturen, für die Wettkämpfe ohne Bedeutung sind. Natürlich lässt sich behaupten, Konkurrenz unter Musizierenden habe es immer gegeben. Dass uns
doi:10.14361/9783839404065-002 fatcat:izjh7mvqpzdovhpkmyoanlps3e