Erfahrungen mit dem Büchsenagar von Uhlenhuth und Messerschmidt in China

Hermann Dold
1916 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Leiter des Instituts. Uhienhuth und Messerschmidt haben vor kurzem auf Grund ihrer Erfahrungen bei der Bekämpfung des Typhus und der Ruhr in der Armee neue, in Büchsen konservierte Bakteriennährböden angegeben, welche sich den frisch im Laboratorium gekochten Nährböden gleichwertig erwiesen und vor jenen den großen Vorzug der Billigkeit und Bequemlichkeit habcn.2) Die Firma Ungemach A.-G., in Straßburg-Schiltigheim, welche die Herstellung dieser Büchsennährböden übei-nommen hat, hatte die
more » ... at, hatte die Liebenswürdigkeit, mir zur Probe folgende Büchsennährböden zu senden: 1. ¼-Dose Nähragar 3 %ig, 2. ¼-Dose Celatine, 3. l%-T)ose Lackmuslaktoseagar nach Drigalski-Conradi, 4. 14-Dose Fuchsinsulfitagar nach Endo, 5. ¼-Dose Pepton-Glyzerin-Gahle, 6. -Dose Ascites. Die Proben gingen laut Poststempel in Schiltigheim am 14. Mai 1915 ab und wurden von mir am 19. September untersucht. Der Weg, den diese sterilen und gebrauchsfertigen Nährböden zurückgelegt haben, ist ganz gewaltig. Sie gingen über eines der neutralen Länder (Holland, Dänemark, Schweden oder Norwegen) zunächst nach der europäischen Seite von Nordamerika, von da durch das kontinentale Amerika nach einem der an der asiatischen Seite gelegenen Häfen, durchquerten den Stillen Ozean und kamen über Honolulu und Japan schließlich nach Schanghai. Da ich gerade auf einer Reise ins Innere von China mich befand, wurden mir die Proben nachgeschickt und kamen nach viertägiger Jangtsefahrt in das etwa 1300 m hoch gelegene Kuling. Von da gingen sie mit mir nach Hankau und weiter nach Peking Tientsin -Teitaiho und kamen schließlich wieder über Tientsin -Nanking nach Schanghai. Sie waren also bis zum Tage ihrer Untersuchung 4 Monate und S Tage unterwegs und waren dabei lange Zeit Temperaturen von 30_400 C und mehr ausgesetzt. Der Zustand der Proben bei der Untersuchung am lO. September in Schanghai war wie folgt: Aeußerlich betrachtet, war die Sendung, von einigen Dellen abgesehen, unversehrt. Die Oeffnung und Entleerung der Büchsen machte bei Befolgung der mitgegebenen Gebrauchsanweisung keine Schwierigkeiten. Im einzelnen gestaltete sich das Ergebnis der Untersuchung folgendermaßen: 1. Nähragar 3 %ig: Der Agar erstarrte nach der Verflüssigung und Entleerung in Reagenzröhrchen bzw. Petrischalen wieder pro mpt Ein unterdessen ini August d. J. eingelieferter Fall von Meningitis epid. hatte keine Hautausschläge, steriles Blut, starb nach 47 Tagen unter allgemeiner Abmagerung, unstilibarem Erbrechen. Die Sektion bestätigte den klinisch angenommenen Hydrocephalus internus. Bakteriologisch waren in den ersten Krankheitswocben Meningokokken im Lumbalpunktat. In den letzten Wochen war die Lumbalflüssigkeit völlig klar und steril, ebenso bei der Sektion, -Zwei unterdessen zur Beobachtung gekommene Fälle von Meningitis epid. boten kein sepsisartiges Krankheitsbild, hatten bakteriologisch nur Meningokokokken, kamen zur Heilung. Alle untersuchteii, auf gewöhnlicheiss Agar züch tbaren Bakterien zeigten em gutes Wachstuns (Staphylokokken, Bacterium cou, typhi, panatyphi, enteritidis Gärtner, dysenteriae, Vibrionen u. a.). Ascites: Der in Phiolen gelieferte Ascites erwies sich als steril. Durch Vermischung eines Phioleninhalts mit der vorgeschriebenen Menge des Büchsenagars erhielt man einen Nährboden, auf dem anspruchsvohlere Bakterien, wie Streptokokken, Pneumokokken und Meningokokken, vorzüglich wuchsen. Gelatine: Die Biichsengelatine kam in verflüssigtem Zustande an. Es gelang audi nicht, durch Lagern auf Eis sie wieder starr zu maclien. Peptoic-Glyzerin-Galle: Die Prüfung der ebenfalls in Büchsen verschickten Galle auf Sterilität erfolgte teils auf gewöhnlichem Agar, teils auf Drigaiski-Conradi-Agar. Die Calle war steril; ihr Aussehen war dunkeigrün, klar und durchsichtig in dünnerer Schicht. Spärlich eingeimpfte Typhusbazihlen entwickelten sich üppig. Die Anreicherung der Typhusbazillen aus dem Blut Typhöser gelang wiederholt. Lackmuslaktoseagar nach Driga!ski -Conradi: I)er nach der Verflüssigung und Oeffnung der Büchse entleerte Lackmuslaktoseagar erstarrte prompt bei Zimmertemperatur. Er zeigte das vorgeschriebene bläulich durchsichtige Aussehen. Typhus-, Paratyphus-, Ruhrbazillen sowie Bacterium cohi, auf dem Lackmuslaktoseagar flächenhaft ausgeimpft, entwickelten sich innerhalb von 24 Stunden in den bekannten und charakteristischen Wachstumsformen. Auch aus Typhusstühlen konnten die Typhusbazihlen leicht mit Hilfe dieses Näbrbodens isoliert werden. Die direkte orientierende Agglutination der Typhus-, Paratyphus-und Ruhrbazihlen aus den typisch gewachsenen Kolonien gelang ohne Schwierigkeit. Fuchsinsulfitagar nach Endo: Auch dieser Nährboden erstarrte nach der Verflüssigung und Entleerung aus der Büchse prompt hei Zimmertemperatur und zeigte dann das bekannte blaßrosa durchsichtige Aussehen. Die wie bei dem Lackmuslaktoseagar ausgeführte-Prüfung ergab, daß alle Angehörige der Typhus-Coli-Gruppe auf diesem Nährboden das charakteristische Wachstum aufweisen und daß es ohne Schwierigkeit gelingt, aus Typhus-, Ruhrstühlen etc. die betreffenden Erreger zu isolieren. Mit Ausnahme der Gelatine sind demnach die am 14. Mai in Schiltigheim abgeschickten, gebrauchsfertigen Büchsennährböden von Uhienhuth und Messerschmidt in tadellosem Zustande Icier angekommen. Das Ist höchst bemerkens. wert, wenn man bedenkt, daß diete Nährböden alles in allein einen Weg zurückgelegt haben, der annähernd dem Umfang der Erde entspricht, und daß sie auf dieser langen Reise mancher Unbill und Temperaturen von 300 bis 40° C und mehr ausgesetzt waren. Diese Büchsen -Nährböden haben damit ihre Versendbarkeit in die entferntestet' egenden der Erde einschließlich der Tropen und ihre lange Haltbarkeit bewiesen. Die einzige Ausnahme bildet, wie schon gesagt, die Gelatine, was ja weiter nicht verwunderlich ist in Anbetracht der hohen Temperaturen, welche die Nährböden lange Zeit auszuhalten hatten. Von einer Versendung der Büchsengelatine nach heißen Ländern (oder audi nach Ländern mit gemäßigtem Klima, wenn die Sendung dabei heiße Zonen zu durchlaufen hat) muß demnach Abstand genommen werden. Dagegen wird eine Versenclung von Gelatine z. B. nach China über Sibirien in der kälteren Jahreszeit sehr wohl möglich sein, vielleicht auch im Sommer, da die Sendung ja ziemlich rasch erfolgt (Dauer etwa 14 Tage). Sämtliche Büchsennährböden erwiesen sich de m im eigenen Laboratorium hergestellten Nährbodenmaterial in jeder Beziehung als gleichwertig. Die Handhabung dieser Büchsennährböden ist denkbar einfach; eine Schwierigkeit in der sterilen Gewinnung' derselben besteht nicht. Es war zweifellos ein glücklicher, der Not abgerungener Gedanke, die Herstellung der Nährböden zu zentralisieren und damit die zahlreichen bakteriologischen Laboratorien im Felde zu entlasten. Die Fachgenossen in der Heimat werden es sicher dankbar empfinden, nunmehr jederzeit gebrauchsfertige und lange haltbare Nährböden zur Verfügung zu haben. In einer ählichen Lage wie die im Felde arbeitenden Kollegen befinden sich auch vielfach die fern von europäischer Zivilisation tätigen Bakteriologen, sei es, daß es sieh um die Einrichtung neuer Arbeitsstätten und die Aufnahme einer bakteriologischen Tätigkeit mit noch nicht ausgebildetem Personal handelt, sei es, daß es gilt, improvisierte Untersuchungen an 12 DEUTSChE MEDIZINISCHE WOOHENSOhRIFT. Nr. 1 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1134902 fatcat:2hb2a5hdcvhcrppzlhkf5buvhi