Richard Lein, Pflichterfüllung oder Hochverrat? Die tschechischen Soldaten Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg

Stephanie Zloch
2012
Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 61 (2012) H. 2 299 ausgezeichnet habe: ihr Bemühen um gegenseitige Hilfe, Nahrungsmittelschmuggel und die Aufrechterhaltung einer solidarischen Gesundheitsversorgung und kultureller Initiativen (S. 158). Inwieweit sich solches Handeln in diesem oder jenem Ort durchsetzte, hing zum einen von der Charakterfestigkeit der Judenratsmitglieder, zum anderen von den Faktoren Zufall und Glück ab. Den Bezugsrahmen für das Geschehen bestimmten ganz wesentlich die
more » ... anz wesentlich die deutschen (und österreichischen) Machthaber -in Berlin, in der Region und in den einzelnen Ortschaften -und in zunehmendem Maße auch deren einheimische Hilfstruppen. Wie B. an den von ihm angeführten Geschichten des Überlebens deutlich macht, war der Beistand von mehreren, manchmal vielen Nicht-Juden (Ukrainern, Weißrussen, Polen, (Volks-)Deutschen; Orthodoxen, Unierten, Katholiken, Altgläubigen, Baptisten) nötig, um dem Tod zu entrinnen. Die Besatzer waren ebenso dafür verantwortlich, dass von 1939 an mit den nationalsozialistischen Judengettos und deren jüdischen Leitungsorganen Einrichtungen geschaffen wurden, in denen anders als im Zwangsarbeits-oder Konzentrationslager ein gewisses Maß an Selbstbestimmung möglich war, das 1-2 Jahre lang soziale Eigeninitiative noch zuließ; dies unterschied 1941/42 die Lage der Juden in den Kresy von der zahlreicher anderer Genozidopfer im 20. Jh. Am Ende hält der Vf. den sowjetischen Truppen einmal mehr zugute, dass sie die Kresy befreit hätten. Doch trifft dies nur für wenige Zehntausend Juden (von ursprünglich 1,2 Millionen, die 1939 in den Kresy gelebt hatten) zu, denen es bis dahin gelungen war zu überleben -und die fast alle kurz darauf ausreisten. Unbeachtet bleibt, dass für die einheimische nichtjüdische Bevölkerung bloß eine weitere Besatzung und Willkürherrschaft begann, die -etwa für die Polen -neue Vertreibungen und Deportationen mit sich brachten. Um einseitigen Bewertungen zu entgehen, erscheint es unerlässlich, das Geschehen nicht ausschließlich durch das Prisma jüdischer Zeugenberichte zu betrachten, sondern auch die Zeugnisse der nichtjüdischen Landsleute heranzuziehen. Der Band wird durch einen Index mit Namen von Orten, Personen und ausgewählten Sachbegriffen abgeschlossen; die Schreibung der Orts-und Personennamen folgt zumeist den offiziellen polnischen Benennungen (ohne Diakritika). Es wäre zu wünschen, wenn B.s ambitionierte Untersuchung Ausgangspunkt für weitere Studien sein könnte, in die auch die lokale und regionale Überlieferung weitestgehend einbezogen wird, um dadurch zu noch tragfähigeren Schlussfolgerungen zu kommen. Marburg Klaus-Peter Friedrich
doi:10.25627/20126129376 fatcat:5us5quzuyrcqnfqoudzbtjzdmq