Menashe Unger: Die Rabbis von Pschis'che und Kotzk. Spirituelle Meister des Chassidismus an der Schwelle zur Moderne. Hrsg. von Frank Beer, aus dem Jiddischen von Daniel Wartenberg

Stefanie Mahrer
2020
Breite treten durften -Liina L u k a s ' Beitrag umfasst 29, Ulrike Plaths 38, Jan Und u s k s 48 und Gert v o n P i s t o h l k o r s ' sogar 66 Druckseiten! -, ohne dass dafür eine Notwendigkeit zu erkennen wäre. Der gesamte Band ist ansonsten recht gründlich redigiert worden. Greifswald Stephan Kessler Menashe Unger: Die Rabbis von Pschis'che und Kotzk. Spirituelle Meister des Chassidismus an der Schwelle zur Moderne. Hrsg. von Frank B e e r , aus dem Jiddischen von Daniel W a r t e n b e r
more » ... W a r t e n b e r g . (Hebräische Literatur im Dialog, Bd. 4.) Lit Verlag. Berlin 2019. 312 S. ISBN 978-3-643-14421-8. (€ 39,90.) Das vorliegende Buch ist 1949 in Buenos Aires im jiddischen Original unter dem Titel Pshiskhe un kotsk in der Reihe Dos poylishe yidntum (Das polnische Judentum) erschienen und liegt nun erstmals in der Übersetzung von Daniel W a r t e n b e r g in deutscher Sprache vor. Die deutsche Ausgabe ist mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat des Übersetzers versehen. Obwohl in einer wissenschaftlichen Schriftenreihe erschienen, ist das Original nicht im engeren Sinne als wissenschaftliche Schrift einzuordnen, es handelt sich dabei vielmehr um einen ethnografischen Roman. Menashe Unger (1899-1969) gehört zusammen mit Martin Buber zu den Begründern einer neuen jüdischen literarischen Gattung, der chassidischen Geschichten. Die ursprünglich nur mündlich, innerhalb der eigenen Gemeinschaft tradierten Erzählungen über die chassidischen Rabbiner, ihre (Wunder-)Taten und Höfe, die Biografisches und Religiöses mit ethnografischen Beschreibungen vermischten, wurden in den Werken der beiden Autoren in eine schriftliche Form gebracht und somit erstmals der nicht-chassidischen Welt zugänglich gemacht. Während der Religionsphilosoph Buber, der in Wien geboren worden war und später in Berlin, Wien, Leipzig und Zürich studiert hatte, die chassidischen Geschichten aus einem wissenschaftlichen Interesse sammelte und übersetzte, stammte U. selbst aus einer berühmten chassidischen Familie. Er wurde als Siebzehnjähriger zum Rabbiner ordiniert, verließ dann aber die chassidische Welt, studierte an der Universität Wien und trat der zionistischen Arbeiterbewegung bei. 1935 migrierte er nach Amerika, wo er sich während seiner ganzen Karriere mit chassidischen Erzählungen auseinandersetzte und sie publizierte. In seinem Werk vermischte er eigenes Erleben und schriftstellerische Analyse. So auch im vorliegenden Text, in welchem er ein Bild der chassidischen Gemeinschaft zu einem Zeitpunkt des inneren Zerfalls der chassidischen Frömmigkeit zeichnet. In 35 kürzeren Kapiteln wird die Geschichte der Rabbis von Pschis'che (Przysucha) und Kotzk (Kock), ihrer Lehre und Höfe und damit auch die Geschichte des polnischen -Chassidismus von der zweiten Hälfte des 18. Jh. an bis zum Ableben von Rabbi Menachem Mendel von Kotzk, dem Kotzker Rebbe, im Jahr 1859 erzählt. U. behandelt in seiner Darstellung weit mehr als nur die religiösen Fragen des Chassidismus. Zwar nehmen die (theologischen) Zerwürfnisse zwischen den rabbinischen Höfen, die zu Abspaltungen führen, einen wichtigen Stellenwert ein, der Autor beschreibt jedoch auch die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte des Chassidismus. Obgleich er eine durchaus wohlwollende Darstellung vorlegt, sind auch kritische Stellen zu vermerken, z. B. wenn der Vf. den übermäßigen Alkoholkonsum oder auch die Situation der Frauen und Kinder der Chassiden beschreibt, die teilweise monatelang ohne ihre Männer und Väter durchkommen mussten, weil diese an den rabbinischen Höfen ein religiöses und geselliges Leben führten, in dem die Familie keinen Platz hatte (z. B. S. 232). In U. Beschreibungen tritt dabei das Menschliche und Weltliche der chassidischen Welt in den Vordergrund. Gleichzeitig versteht er die chassidische Gemeinschaft, trotz ihres Rückzuges in sich selbst, als Teil der allgemeinen jüdischen Geschichte wie der Geschichte der christlichen Mehrheitsbevölkerung, so widmet er sich der Auseinandersetzung mit den Maskilim (jüdischen Aufklärern) (Kap.
doi:10.25627/202069310780 fatcat:om2kuo2cdzffxdf5kne7aklbdu