Roland Seib: Papua-Neuguinea zwischen isolierter Stammesgesellschaft und weltwirtschaftlicher Integration

Kurt-Dietrich Mroßko
2021
Keiner von uns hätte es sich vor zwanzig Jahren im Busch von Neu Guinea träu men lassen, daß jemand in absehbarer Zeit über den werdenden Staat eine umfassende wissenschaftliche Arbeit an einer deutschen Universität schreiben würde. Und wenn schon, dann hatten Missonstheologie, Ethnologie, vielleicht auch Geographie und Medizin gewisse Präferenzen. Aber ausgerechnet Ökono mie in Papua-Neuguinea als Thema einer deutschen Dissertation -das war und ist gewiß nicht das Nächstliegende. Solch ein
more » ... hegt nun vor, es handelt sich um die Dissertation von Roland Seib. Es gehört heute noch keineswegs zur Allgemeinbildung, über diesen pazifi schen Inselstaat Bescheid zu wissen. Gerade so, daß die meisten Menschen fresservorurteile halbwegs vom Tische sind, ist es weiterhin den wenigsten be wußt, daß sich dort in der Südsee eine Volkswirtschaft entwickelt hat, die sich mit ihren Rohstoffressourcen nachdrücklichst in das Wirtschaftleben der moder nen Welt einklinkt. Immerhin kennt jeder Börsianer von New York bis Tokio, von Singapur bis Frankfurt genau die Kursnotierungen von Bougainville Copper oder anderer Unternehmungen, die mit den Bergwerksaktivitäten dort verbun den sind. Nun ist Seibs Buch nichts weniger als eine Handreichung für die (Damen und) Herren der Börse, damit sie auf Grund seiner Hintergrundinformationen ihre Spekulationen richtig plazieren. Um das gleich vorwegzunehmen, es handelt sich um eine außerordentlich gründliche Studie, die nichts weniger im Sinne hat, als einer wie auch immer gearteten wirtschafthche Ausbeutung Material und Werkzeuge an die Hand zu geben. Umgekehrt hat der Verfasser auch nicht die Absicht, schlicht unsere Allge meinbildung aufzupolieren. Sein Anspruch ist zunächst rein wissenschaftlich und seine "makroökonomisch angelegte Analyse basiert auf der von Menzel und Senghaas erarbeiteten Theorie autozentrierter Entwicklung, die aus der kompa rativ angelegten historisch-empirischen Analyse der kritischen Frühphasen heuti ger Industrieländer entstand und Bedingungen für einen erfolgreichen nachho lenden kapitalistischen Entwicklungsprozeß normativ benennt." Oder anders ausgedrückt: Er möchte herausfinden, ob Papua-Neuguinea nach seiner Unab hängigkeit einen eigenen öknomischen Entwicklungsweg gefunden hat oder von der Weltwirtschaft in üblicher Weise vereinnahmt worden ist. Die Arbeit holt mit Recht weit aus und präsentiert zunächst die historischen Gegebenheiten. Die koloniale Entwicklung seit 1884, an der ja auch das Deut sche Reich beteiligt war, ist Ausgangspunkt von Seibs Untersuchung. Er behan
doi:10.11588/asien.1994.53.15635 fatcat:kbrwzcf6jfbffi3u5uhnjznyk4