Zuschauern zuschauen: Fernsehen als social medium

Markus Stauff, Mediarep.Org, Andrea Seier, Thomas Waitz
2021
Wie zahllose ähnliche Sendungen begann auch die US-amerikanische Quiz-Show I've got a Secret¯1 routinemäßig mit einem Auftritt des Moderators, Garry Moore, der sich an ein verdoppeltes Publikum richtet: Seine Kopfbewegungen und Gesten machen deutlich, dass er teils die ZuschauerInnen vor dem Fernsehgerät adressiert, teils das im Saal vor Ort versammelte Publikum, auf dessen Reaktionen er immer wieder reagiert. In einer Folge aus dem Jahr 1956 wird diese doppelte Adressierung noch dadurch
more » ... noch dadurch unterstrichen, dass direkt hinter ihm (vermeintlich unbemerkt durch ihn) Lucy Ball, Star der Sitcom I Love Lucy, steht, deren Körper zumindest für die FernsehzuschauerInnen durch den von Moore verdeckt wird, während sie ihren Kopf immer wieder so zur Seite streckt, dass ihre Grimassen, mit denen sie seine Anmoderation kommentiert, sichtbar werden. Dies führt zu heftigem Lachen im Saal, auf das Moore mit (gespielter) Verwunderung, Entrüstung oder Insistenz reagiert. Am Ende seiner Anmoderation will er Lucy Ball mit ausladender Geste auf die Bühne rufen, um dabei erschreckt festzustellen, dass sie schon lange direkt hinter ihm steht. Die Sendung bezieht die ZuschauerInnen damit nicht nur in die Sendung ein (im weiteren Verlauf der Sendung verliest Garry Moore Zuschauerpost und teilt mit seinem Publikum Informationen, die die KandidatInnen auf der Bühne nicht haben), sondern zeigt diesen zugleich, dass die Frage wo und mit wem man etwas sieht -›vor Ort‹ / ›vor dem Fernsehapparat‹ -Konsequenzen dafür hat, was und wie man etwas sieht. Weit über das Beispiel von I've got a Secret hinaus, ist es für das Fernsehen kennzeichnend, dass es nicht einfach Dinge oder Ereignisse zeigt, sondern Szenen, in denen Dinge oder Ereignisse von anderen gesehen werden. Das eingespielte Lachen (canned laughter) der Sitcom ist sicher das prominenteste Beispiel, aber auch bei media events (und ganz besonders im Fernsehsport), bei Game-Shows, Reality-Formaten sowie in der Katastrophenberichterstattung richtet das Fernsehen die Aufmerksamkeit regelmäßig auf die Reaktionen derer, die nicht ›aktiv‹ am Geschehen teilnehmen, sondern dieses ›passiv‹ und somit als ›Spektakel‹ wahrnehmen. Das Fernsehpublikum beobachtet somit nicht einfach Vorgänge (oder nimmt an ihnen teil); Fernsehen zu schauen besteht
doi:10.25969/mediarep/16194 fatcat:ku4q22q2ujexxb76sh5kkrojbe