Grundzüge für die Behandlung der Hernien (Schluß aus No. 45.)

Adolf Brentano
1907 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Abteiluug des Städtischen Krankenhauses am Urban in Berlin. (Schluß aus No. 45.) a) Rathkaloperationen der Laistenbrüche. Bei der Radikaloperation der Leistenbrüche geben wir der Methode von Bassini den Vorzug und haben bisher keine Veranlassung gehabt, von ihr abzugehen. Damit soll nicht gesagt sein, daß andere Methoden, namentlich die I{ochersche, nicht dasselbe oder in den Händen einzelner Operateure sogar vielleicht besseres leisten als der "Bassini". Wir verfahren bei der Radikaloperation
more » ... er Leistenbrüche folgendermaßen: Je nach der Dicke des subkutanen Fettgewebes 10-15 cm langer Schnitt über den Leistenkanal, der oberhalb des inneren Leistenringes beginnt und ungefillir den Winkel zwischen Poupartschem Bande und Mittellinie halbiert. Es ist wichtig, den Schnitt mehr vertikal als horizontal zu legen, weil man so bei dem Spalten der Fascie des Obliq. ext. mehr und besseres Material zur vorderen Pfeilernaht gewinnt und weil man sieh ferner so den Rectusrand zur Anlegung der hinteren PThilernaht besser zugänglich machen kann. Die Fascie des Obliquus externus wird, nachdem sie durch Abreiben mit stonier Gaze von etwaigen Fettauflagerungen befreit Ist, nach oben bis über den inneren Leistenring hinaus, nach unten bis in den äußeren Leistenring hinein gespalten und medial-und lateralwärts lappenförmig zurückpräpariert. An die so gebildeten Lappen werden Klemmen gelegt, um sie anziehen zu können. Dies ist vorteilhaft, weil durch das Anziehen des unteren Lappens der Rand des Poupartschen Bandes gut sichtbar gemacht werden kann, was bei der hinteren Pfeilernaht von großem Vorteil ist. Es folgt dann die Eröffnung des Bruchsackes, und zwar möglichst weit oben, in der Nähe des Bruchsackhalses. Wir eröffnen in allen Fällen den Bruchsack, spalten ihn aber nach abwärts nur so weit als nötig ist, um den Bruchinhalt reponieren zu können. Bei der Reposition wird zunächst etwa vorhandener Darm in die Bauchhöhle zuruckgebracht, dann das Netz, falls man es nicht resezieren muß, weil es in größeren Klumpen in dem Bruchsacke liegt, degeneriert oder angewachsen ist. Viel seltener als das Netz ist der Darm mit dem Bruchsacke verwachsen. Er muß teils stumpf, teils scharf gelöst odor bei ausgedehnteren Verwachsungen mit Teilen der adhärenten Bruchsackserosa reponiert werden. Dasselbe geschieht, wenn solche Organe (Coecum, Blase) den Bruchinhalt bilden, welche hun teilweise vom Peritoneum überzogen sind. Sind die Därme untereinander in größerer Ausdehnung verwachsen, was bei länger bestehenden, großen Brüchen sehr häufig vorkommt, so ist zu berücksichtigen, daß die mit der stumpfen oder scharfon Lösung der Verwachsungen verbundenen Schädigungen des Poritoneuin zu neuen Störungen Veranlassung geben und daß es deshalb geraten erscheint, entweder auf den Versuch einer Lösung derartiger Adhäsionen ganz za verzichten oder die betreffenden Darmschlingen zu resezieren. ist der Bruehinhalt roponiert und die Bruchpfortengegend ganz frei von angewachsetiem Daim oder Netz, so nehmen wir zunächst die Ablösung des Samenstranges bzw. des Lig. rotundum vor. Diese Ablösung beginnt man am besten in der Nähe des inneren Leistenringos, indem man den gespaltonon Bruchsack mit Klemmen spannt und die Elemente des Samenstranges von außen her nach den Seiten hin absc.hiebt, und zwar am besten stumpf, unter Zuhilfenahme einer Gazekonipresse. ist der Bruchsackhais auf der einen Seite eine Strecke weit frei, so wird die andere Seite in derselben Weise vorgenommen. In Fällen schwieriger Ablösung durchtrennt man zweckmäßig den Rest des Bruchsackes von innen her und zieht ihn, indem man den Sehnittrand mit Klemmen faßt, stumpf, unter Zuhilfenahme von (lazo vom Samenstrange ab, bis genügend Matemial zur .n-legung einer Verschlufinaht an dem Bruchsackstumpf gewonnen ist. Diese kann in Form einer Tabaksbeutolnaht von der Serosainrienfläche aus gemacht werden odor fortlaufend von außen her wie bei jeder Laparotomie. Die Durchstechung des Bruchsackhalses und die Knüpfung eines durchgezogenen Fadens nach zwei Seiten hin empfiehlt sich nur für kleine Bruchsäcke mit engem Hals. Ganz besondera Beachtung, und zwar nicht nur bei Leigtn., sondern auch bei Schenkelbrüchen, verdienen die properitonealen Lipome, weil sie nicht selten die Eröffnung des Bruchsackes erschweren. Setzen sie sich in die Bauchhöhle fort und liegen sie der Innenseite des Bruclisackes an, so denke man daran, daß sich hinter ihnen zuweilen eine Blasenhernie verbirgt, und vermeide es deshalb, derartigo Lipome zusammen mit dem Brucksack abzubinden und abzutragen. Gewißheit über das Vorhandensein eines Blasenbruches kann man sich nur durch Einführung eines Katheters in die Blase verschaffen. Ist die Blase verletzt worden, so muß die Wunde sofort in zwei Etagen vernäht und ein Verweilkatheter für 8-14 Tage in die Blase gelegt werden. Nach demVerschlusse der Bauchhöhle wird der peripherische Teil des Bruchsackes exstirpiert, indem man ihn mit Klemmen faßt und kräftig anzieht unter fortwährender Abdrängung des Samenstranges mittels stonier Kompressen. Nur selten erfordorn narbige Veränderungen des Bruchsackes und festere Verwachsungen des Samenstranges die Anwendung von Schere und Messer. Will die Lösung des Bruchsackes gar nicht gelingen, so ist es zweifellos richtiger, ihn ganz oder teilweise zurückzulassen, als etwa die Ernährung und Funktion des Hodens durch Verletzung der Samenstranggebilde zu gefährden. Ganz zweckmäßig ist es mitunter, sich gar nicht auf Ablösungsversuche einzulassen, sondern den Bruchsack von oben bis unten zu spalten und dann um den Samenstrang so herumzuschlagen, daß die Serosaseite nach außen kommt, ein Vorfahren, das Winkelmann für die Hydrocelen angegeben hat. Es eignet sich deshalb besonders für angeborene Brüche, bei denen man sonst entweder eine neue Tunica aus dem Reste des Bruchsackes bilden oder die Bruchsackserosa wie bei einer Hydrocelenoperation nach y. Bergmann in der Peripherie des lodens abtragen muß. Das Lig. rotundum kann, wenn Schwierigkeiten bei seiner Ablösung entstehen, ohne Schaden mit dem Bruchsacke entfernt werden. Nach der Exstirpation des Bruchsackes kommt der wichtigste Teil der Radikaloperation: die hintere Pfeilernaht. Um sie sicher ausführen zu können, muß man zunächst den Samenstrang mit seinen sämtlichen Bestandteilen herausheben, bis der spiegelnde Glanz des Ligamentum Pouparti sichtbar ist. Die Samenstrangelemente werden mittels eines Hakens zur Seite gezogen und dann der freie Rand des Poupartiachen Bandes, der durch Anspannen des unteren Lappens der Obliquus externus-Fascie, wie erwähnt, gut sichtbar gemacht wird, von der medialen Seite angefangen mit dem Rectusrande bzw. dem M. obliquus mt, und transversas durch Zwirn-oder Seidenknopfnähte vereinigt. Um die Muskulatur besser zugänglich zu machen, kann man sowohl die den Winkel zwischen Rectasrand und Leistenband ilberbrückende Fascia transversa durchtrennen, als auch das Fascienblatt des Obi. mt., das den Reetus deckt, spalten. Es lassen sich so auch große Bruchpforten bequem und sicher verschließen. Dem Samenstrang muß so viel Platz gelassen werden, daß keine Gefäßkompression erfolgt. Ihm anhaftende Lipome sind zu exstirpieren, ebenso etwa vorhandene Vaneen der Vena spermatica. Nach Vollendung der hinteren Pfeilernaht wird der Samenstrang reponiert und über ihm die gespaltene und in zwei Lappen zurückpräparierte Fascie des M. obliquus externus durch eine fortlaufende Naht vereinigt. Eine Knopfnaht der Haut schließt die Operation. Drainage, etwa im Skrotum, anzulegen ist überflüssig. Statt derselben muß ein Druckverband auf die Wunde gelegt werden, der einer etwaigen Nachblutung entgegenwirken soll. Trotz desselben kommen aber nicht ganz selten, namentlich bei schwieriger Ablösung des Samenstranges, Hämatome im Skrotain zustande, die, falls sie sich nicht von selbst resorbieren, durch Funktion mittels Troikarts entleert werden müssen. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1189097 fatcat:yaw76p3h7vbutjijjogm44dk24