Die Bilder sollen gegen sich selbst aussagen [chapter]

Harun Farocki
Auszug aus dem Lager  
___ Wie kann man die Lager darstellen? Wie kann man die Opfer zeigen, ohne ihnen mit den Bildern ihres leidvollen Sterbens und Todes noch einmal Gewalt anzutun? Der Film von Fuller/Weiss über die Öffnung des Lagers Falkenau zeigt eine Geste: Die deutschen Einwohner des Ortes Falkenau werden von US-Militärs gezwungen, die Toten aus dem Lager zu bekleiden und zu bestatten. Mit diesem Ritual sollen die Toten wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden, aus der sie zuvor verstoßen worden waren.
more » ... d indem sie die Toten begraben, sollen die Deutschen sich der Verbrechen bewußt werden, die in ihrem Namen und in ihrer Nähe begangen wurden. Dieses Material ist uns durch den Beitrag von Georges Didi-Huberman gegenwärtig, ich kann darauf aufbauen und werde auch versuchen, etwas von der Diskussion aufzugreifen, die dieses Material unter uns ausgelöst hat. Es geht also um die Repräsentation der Lager im deutschen Machtbereich in Fotografie und Film. Es geht um Bilderpolitik, es geht um Montage. ___ Eine Montage bringt da, wo sie interessant ist, zwei Dinge in Verbindung, ohne sie in eins zu setzen. Es geht um eine bestimmte Proportion, es gilt eine Balance zu halten, es gilt, bei der Gleichsetzung eine Verwechslung oder Vermengung der in Beziehung gesetzten Elemente zu vermeiden und eine produktive Gedankenverbindung zu erreichen, einen Gedanken-Witz. [ 295 ] Die Bilder sollen gegen sich selbst aussagen Harun Farocki Und das Gegenteil davon haben wir mit dem, was man heute gar nicht mehr Dokumentarfilm nennt, sondern -wie im Jugendlichenjargon, in dem man immer bei einem Fremdwort 27 Silben wegläßt -Doku. Sie alle kennen die Kompilations-Dokus über die Nazis. Und Sie alle kennen das, was man Kompilation nennt: das Vermengen von Bildern der verschiedensten Sorten, was politisch unerträglich ist. In der Kürze der Zeit zeige ich keine Beispiele aus dem Fernsehen, nichts, was nur symptomatisch interessant ist -vielleicht sollte man nie etwas zeigen, was nur symptomatisch interessant ist, auch wenn man mehr Zeit hat. ___ Meine Idee, auch für den Vortragstitel, die Bilder aus der NS-Zeit als Agenten anzusehen, kommt von Hartmut Bitomsky, aus der Erfahrung mit der Arbeit an seinem Film Deutschlandbilder, als er in den achtziger Jahren einen Film aus sogenannten "Kulturfilmen" der Nazizeit montierte und sich fragte, was es mit den Bildern auf sich hatte, mit denen er da umging. "Es hat in Deutschland keinen Bildersturz gegeben, der die Filme in einem ersten Akt der Empörung zerstört hätte. Die Filme wurden konfisziert, und das ist etwas anderes. Sie kamen unter Verschluß, man hatte mit ihnen noch was vor. Gefangenen ähnlich, die ein Lösegeld auskaufen kann, dürfen sie heraus. Es muß sichergestellt sein, daß der Kontext und eine gewissenhafte Dosierung sie unschädlich machen. Eine Umschreibung dafür, daß sie als Dokumente benutzt werden, als Dokumente werden sie mit einer doppelten Aufgabe betraut. Sie sollen belegen, wie der Faschismus wirklich gewesen ist, sie sollen sagen, was der Faschismus damals gesagt hat. Die alte Botschaft noch einmal. Diesmal aber als Schreckensbotschaft. [...] Und gleichzeitig haben sie gegen sich selbst auszusagen, wie man es mit Agenten macht, die übergelaufen und umgedreht worden sind. Und sie sprechen und es ist die Tatsache, daß wir sie immer noch verstehen. Es schlägt einem da kein unbegreifliches Lallen und Stammeln einer fremden Sprache entgegen, hinter die wir nicht kommen könnten. Und dann diese andere Tatsache ihrer Verfügbarkeit: die Filme halten das Verfahren, das sie zu Kronzeugen umkrempelt, nicht nur aus -sie bieten sich geradezu dafür an. Als wäre genau das ihre Bestimmung: die Rolle von Belegmaterial zu spielen." 1 ___ In diesem Zusammenhang will ich nur episodisch daran erinnern, daß Albert Speer in seinen Memoiren schreibt, er habe sich während der Nürnberger Prozesse gefragt, ob er vielleicht schon wieder ein Opportunist sei, weil er alles, was gegen das Deutsche H a r u n F a r o c k i [ 296 ]
doi:10.14361/9783839405505-016 fatcat:43pqkx4x45avrkvusgejzvym4y