Seite 1 / 5, Nutzungsrecht nach Creative Commons 3.0 Österreich Lizenz

Thomas Ballhausen
2013 unpublished
Thomas Ballhausen untersucht Jacques Tardis und Benjamin Legrands Tueur de cafards/Der Kakerlakenkiller und betont, dass das metafiktionale und reflektierte Erzählen dieses Comics einen (stillen) Klassiker des Mediums darstellt, der immer noch auf seine Entdeckung wartet. Abstract Mit Der Kakerlakenkiller (1984) haben Jacques Tardi und der Szenarist Benjamin Legrand ein Werk geschaffen, das immer noch begeistert und verstört. Das für ihre Arbeit zentrale Spiel mit Genrekonventionen und
more » ... tionen und Erwartungshaltungen macht es notwendig, es im Kontext von Enki Bilals und Jean-Pierre Dionnets Exterminator 17 (1977) und Moebius' Die Hermetische Garage (1976-1980) zu sehen und wohl auch zu lesen. Ein Versuch der erneuten Aufschlüsselung. Schicksal per Knopfdruck Am 31. Dezember 1942 schreibt der zu diesem Zeitpunkt in Paris stationierte Schriftsteller Ernst Jünger in seinem Tagebuch über die Eroberung Kiews und die ihn anekelnden Schandtaten, die ihm darüber als Gerüchte zu Ohren kommen. In diesem Eintrag findet sich auch folgende Passage: "Das alte Rittertum ist tot; die Kriege werden von Technikern geführt. Der Mensch hat also jenen Stand erreicht, den Dostojewski im 'Raskolnikow' beschrieben hat. Da sieht er seinesgleichen als Ungeziefer an. Gerade davor muss er sich hüten, wenn er nicht in die Insektensphäre hineingeraten will."[1] Dass die Bedenken dieses Unbequemen[2] mit dem Vokabular des Entomologen daherkommt, überrascht ebensowenig wie die treffende Einschätzung seiner Analyse. Für eine Neulektüre des Kakerlakenkillers scheint sie mehr als nur ein probater Ausgangspunkt zu sein, sie kann vielmehr als zentraler Gedanke dienen: Tardis und Legrands Arbeit reflektiert auf ihre Weise ja nicht nur die Greuel des 2. Weltkriegs, sondern auch den gesamten, zutiefst politisch aufgeladenen Diskurs der Parasiten und des Schädlings. [3] Ihr unglücklicher, kafkaesk anmutender Protagonist Walter, der von seiner deutschen Mutter an einen Besatzungssoldaten verkauft wurde und den neuen Nachnamen Eisenhower erhielt, arbeitet nicht zufällig bei einer auf Schädlingsbekämpfung spezialisierten Firma mit Namen Blitz. Einer seiner Aufträge im tristen New York der 1980er-Jahre-das Tardi schon in seinen kürzeren Arbeiten Manhattan und It's so hard mit aller Härte porträtiert hatte-führt ihn an die Wall Street und in ein Gebäude, wo er, einem Impuls folgend, in den 13. Stock fährt. Der psychologisch-mythologische Unterbau dieser Handlung ist evident: Kinderleicht kann man den kaum kontrollierten Knopf in einem schicksalhaften Momentum Andreas Bernard zu paraphrasieren-drücken.[4] Hier setzt nun das negative Wunder an, kennen die Vereinigten Staaten doch, so geht die Legende, keine 13. Stockwerke in ihren Bauten. Hier aber belauscht nun Walter ein Mordkomplott, zu dessen Teil er schlussendlich auch werden wird. Auch ihm selbst wird schlagartig die Konsequenz und Unumkehrbarkeit seiner Handlung bewusst: "Je mehr ich darüber nachdenke, desto überzeugter bin ich, dass es eine Panne war. Von da an begann eine elende Reihe von unkontrollierbaren Ereignissen. [...] Von dem Augenblick an nahm jedes Detail, jede Fresse auf der Straße, die kleinste Scheiße eine schreckliche Bedeutung an, wurde doppelsinnig..."[5]. Schnell gerät Walter in immer weitere Schwierigkeiten, an ihm zeigen Tardi und Legrand die Personifizierung und Verdichtung einer allgemeinen gesellschaftlichen Entropie. Dass sein weiterer Bericht über Gewaltverbrechen, Drogenmissbrauch, sexuelle Eskapaden, Visionen über den unbekannten leiblichen Vater und schließlich seine Umprogrammierung zur Killermaschine im Dienste zumeist ungreifbarer Kräfte als nachträglicher Kommentar in die Handlung integriert medienimpulse-online, bmbf, Thomas Ballhausen Stählernes Insektenzeitalter.
fatcat:hpedoogbxvb5xlbs5otnppiwzu