Ueber Intubation des Larynx

Joseph O'Dwyer
1888 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in New-York. Mancherlei widersprechende Berichte über die Erfolge des von mir eingeführten Verfahrens der Intubation des Larynx dürften es an der Zeit erscheinen lassen, auch in einer deutschen Zeitschrift einmal kurz über die weiteren Ergebnisse zu berichten, welche mit der genannten Methode erzielt sind. Als dieser Gegenstand im Juni vergangenen Jahres zuerst in der New-Yorker Akademie der Medicin discutirt wurde, hatte Dr. Dillon Brown 860 Fälle von 65 Operateuren in verschiedenen Theilen
more » ... Landes gesammelt, die 27 0/0 Heilungen ergaben. Dr. Max J. Stern in Philadelphia vermehrte einige Monate später die Zahl der bekannten Fälle auf 953 mit 26 O/ Heilungen, und Dr. Waxham berichtete auf dem letzten medicinischen Congress in Washington über 1072 Fälle mit 27 0/0 Heilungen. Hier waren die Resultate einzelner Operateure sehr schlechte. Ein Operataur hatte 31 Fälle mit nur einer Heilung, andere 20, 10 und 9 ohne einen einzigen Erfolg. Wenigstens von einem dieser Fälle kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass das Ausbleiben des Erfolgs nicht durch Ungeschicklichkeit seitens cies Operateurs verschuldet war. Dieselben widersprechenden Resultate erfährt man häufig genug auch bei der Tracheotomie. In über 15 Fällen von Croup, in denen ich entweder selbst operirte oder anderen assistirte, trat nur in zwei Fällen Heilung ein. Diese Erfahrung führte eben zu den Versuchen mit der Intubation. Ich kenne viele Operateure, deren Resultate eben so schlecht und selbst noch schlechter waren als meine eigenen. Ich erwähne diese Thatsachen nur, um zu zeigen , wie irrige Schlussfolgerungen sich aii einer beschränkten Erfahrung, sowohl mit der Intubation wie mit der Tracheotomie, ergeben können. 1)iese Operationen sind im besten Falle nur ein mechanisches Mittel, um ein mechanisches Athmungshinderniss ill den oberen Luftwegen zu überwinden, das nur einen der verschiedenen Factoren darstellt, die zusammenwirken, um den Croup zu einer so gefährlichen Krankheit zu machen. Wer beide Operationen hinreichend oft ausgeführt hat, um alle Typen der Krankheit zu Gesicht zu bekommen, ob er nun anfänglich brillante Erfolge oder vollständiges Misslingen zu verzeichnen hatte, wird schliesslich zu den Resultaten kommen, wie sie oben dargelegt sind. Wenn man also die statistischen Verhältnisse in dieser Weise auffasst, so hat jeder Operateur, der in ca. 100 Fällen intubirt hat, mindestens 24 0/ der Kranken gerettet. Meine eigenen Resultate in 142 Fällen der Privatpraxis, abgesehen von 65 Experimentalfällen, waren 27 0/ Heilungen, Dr. Brown hatte ill 195 Fällen 26 °/o Dr. Waxham in 160 Fällen 28 0/e, Dr. Frank Huber in 94 Fällen 39 0/e, und Dr. Geo. W. Hay am Boston City-Hospital in 107 Fällen 24 O/e. Die Schwierigkeit der Ausführung der Intubation, die einzig dem kurzen Zeitraum zuzuschreiben ist, der dem Operateur zur Verfügung steht, muss das Resultat anfänglich in gewissem Grade beeinfiussen, weil die Gefahr des Shocks, durch in die Länge gezogene oder wiederholte Versuche, eine Tuba in den Larynx einzubringen, nothwendigerweise sehr gross ist. Besitzt indessen der Operateur ausreichende Uebung, sodass es ihm gelingt, die Canille stets in weniger als 5 Secunden einzuführen oder zu entfernen, so hat diese Gefahr garnichts auf sich. Die Geschicklichkeit, die nothig ist, um diese Operation rasch und ohne Verletzung auszuführen , kann nur durch sehr grosse Uebung erlangt werden. Erlangt man diese nicht am Kadaver, so kann sie nur um den Preis vieler Leiden für den unglücklichen ersten Patienten, ja selbst von Menschenleben, erreicht werden. Ohne diese Uebung ist selbst der hervorragendste Chirurg zur Ausführung dieser Operation ebensowenig geeignet wie der gestern promovirte Arzt. Nachdem ich öfters mit angesehen habe, wie andere Aerzte, nachdem sie einige Uebung am Kadaver erworben hatten, zum ersten Mal am Lebenden intubirten, bin ich völlig davon überzeugt, dass die Tracheotomie für den Patienten ein sichereres und für den Dabeistehenden weniger abstossendes Verfahren darstellt, als die Intubation in der Hand eines Neulings. Ferner ist die Tracheotomie auch sicherer für den Operateur, denn stirbt der Patient auf dem Operationstisch, so hat das eine klar ersichtliche Ursache, und er kann sich damit trösten, dass dasselbe vielen hervorragenden Chirurgen, lebenden und verstorbenen, widerfahren ist. Tritt dagegen bei der intubation ein Todesfall ein , so kann man keine Ursache aufzeigen, und der Operateur läuft Gefahr, auf Schadenersatz oder selbst unter schlimmer Beschuldigung verklagt zu werden. Mindestens einige der veröffentlichten Fälle (und wahrscheinlich viele nicht veröffentlichte) von Asphyxie durch sogenanntes Herunterstossen von Membranen waren in Wirklichkeit dem Einbringen zu vieler Finger in den Larynx , andere dem Einsetzen der Tuba in falsche Wege zuzuschreiben. Ich habe der Section zweier solcher Fälle beigewohnt, und die Operateure waren durchaus keine Neulinge. Es ist besonders hervorzuheben, dass ein solches Ereigniss wie das Herabstossen von Pseudomembranen vor der Tuba mitunter vorkommt. Neben den Schwierigkeiten der Ausführung der Operation bildet die Herstellung der Tuben und das Vorkommen höchst unvollkommener Instrumente im Handel ein ernstes Hinderniss für den Erfolg der Intubation. Ein Instrumentenmacher kann, trotzdem er eine vollkommene Tuba als Modell vor sich hat, wenn die Unterweisung nicht recht oft wiederholt wird, recht schlechte Erfolge erzielen. Die Anfertigung meiner Instrumente war das Ergebniss einer Reihe von Experimenten, die sich über mehrere Jahre ausdehnten, und auf die wichtigsten Veränderungen, die sich während ihres Entstehens als nothweudig ergaben, wurden wir durch die Leichenbefunde hingelenkt. Experimente dieser Art wären nutzlose Zeitund Geidvergeudung, wenn dasselbe Resultat auf anderem Wege zu erreichen wäre, was indessen nicht der Fall ist, obwohl es an Versuchen in dieser Hinsicht nicht gefehlt hat. Ich kenne einige unter den vielen Modificationen dieser Tuben, die ohne irgend welche Erfahrung an der Leiche und mit sehr geringer am Krankenbett construirt waren. Einige von diesen, oben und unten mit schneidenden Kanten versehen, sehen gerade so aus, als ob sie besonders dazu construirt seien, ill den entzündeten Geweben des Larynx und der vorderen Trachealwand so viel Unheil als möglich anzurichten. An Verbesserungen ist bisher nur die künstliche Epiglottis von Dr. Waxham in Chicago erdacht worden. Diese Verbesserung gewährt einen grossen Vortheil, weil man mit ihrer Hülfe die Schwierigkeiten der Deglutition überwinden kann, die den einzigen stichhaltigen nicht theoretischen Einwurf gegen die Intubation bei Croup oder irgend einer anderen heilbaren Form der Larynxstenose bildet. Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1208701 fatcat:x5zw74xv25e5hhtafti27h3tva