VERMISCHTES

1921 Zeitschrift für Romanische Philologie  
Die Durchsicht der 3. Auflage der "Einführung in das Studium der rom. Sprachwissenschaft" von Meyer-Lübke veranlafst mich, über drei Punkte der Entwicklung der betonten Vokale im Volkslatein zu sprechen. i. Ober die Zeit der Dehnung der kurzen Vokale vor einfachem Kons, sagt Meyer-Lübke, nachdem er Messungen des Commodian und des Sedulius jede Beweiskraft abgesprochen hat, in der Ein f. 3 , 142 sowie in der Einf. 2,119 und ähnlich wie in der Einf. *, 104 wörtlich folgendes: Dagegen gewähren
more » ... er die Lehnwörter im Germ, einige Anhaltspunkte. Ahd. spiagal "Spiegel" setzt nämlich speculum, zhd.ßedar, ags./efor "Fieber" /t&rü, ahd. scuola, ags. scol ähnlich scjjla, ahd. alamuosan "Almosen" ehmqsyne voraus, und da teils sprachliche teils sachliche Erwägungen die Aufnahme dieser und anderer entsprechend behandelter Wörter nach dem 6. Jahrh. und vor das 9. setzen lassen, so hätte man zwar noch einen weiten Spielraum, aber immerhin namentlich eine Grenze nach rückwärts, hinter die nicht gegangen werden darf. Dazukommt, dafs, worauf E. Mackel, Zs. XX, 514-519 hingewiesen hat, die Mehrzahl der germ. Lehnwörter im Rom. diese Vokaldehnung mitgemacht hat, vgl. frz. Joufroi aus frk. Gaus/riß wie/0/' aus Izt.ßdf . . . Das führt wieder auf ein ähnliches Resultat, dafs ttämlich die Dehi\VH\g nicht voi aas t>. Jahih. zu setzen ist. Meyer-Lübke schliefst hier zunächst aus der Zeit der Entlehnung der bereits gedehnten v lt. Wörter ins Germ, auf die Zeit der Dehnung im Vlt. Dieser Schlufs ist unrichtig. Wenn auch speculum^ felris erst im 7. oder 8. Jahrh. mit gedehntem Vokal ins Germ, entlehnt wurden, so können sie doch im Vlt. mit dem gedehnten Vokal schon Jahrhunderte lang bestanden haben. Wenn es feststände, dafs fcbris mit gedehntem Vokal erst im 7. Jahrh. ins Germ, entlehnt worden sei, so liefse sich daraus nur schliefsen, dafs die Dehnung im Vlt. nicht nach dem 7. Jahrh. gesetzt werden dürfe; keineswegs aber liefse sich daraus schliefsen, dafs sie nicht vor das 6. Jahrh. gesetzt werden dürfe. Die vlt. Lehnwörter des Altgerm. geben nur einen terminus ad quem, mit dem wenig Brought to you by | University of California Authenticated Download Date | 6/9/15 4:50 PM J. BRUCH, ZUR ENTWJCKL. D. BETONTEN VOKALE IM VOLKSLAT. 575 gewonnen ist, keinen terminus a quo. Viel nützlicher wären diejenigen lat Lehnwörter des Altgerm., die im Germ, kurzen Vokal zeigen, wie z. B. piper, das zha.pfcffar y ags. ptpor ergab. Wenn es für solche Wörter feststünde, dafs sie aus dem Vlt. und nicht etwa aus dem schriftsprachlich gefärbten Klosterlat. entlehnt seien und dafs sie nach dem 6. Jahrb., also frühestens im 7. Jahrh. bezogen seien, dann dürfte man schliefsen, dafs die Dehnung im Vlt. im Anfang des 7. Jahrh. noch nicht eingetreten gewesen sei, dafs sie frühestens in der 2. Hälfte des 7. Jahrh. erfolgt sei. Die angeführten Voraussetzungen sind keineswegs gegeben. Erstens ist es für das einzelne lat. Lehnwort des Altgerm, durchaus nicht sicher, dafs es aus dem groben Vlt. des gemeinen Mannes entlehnt sei und nicht aus dem Klosterlat. Ja für manche Lehnwörter ist Herkunft aus dem Klosterlat direkt anzunehmen, so für ahd. regula, ags. regol aus sachlichem Grunde, für ahd.ßtra, fo'ra, ags. peru aus sprachlichem. Kluge meint unter Birne, dafs die Zeit der Entlehnung des anlautenden ahd. b wegen kaum vor dem 9. Jahrh. angesetzt werden könne. Nun wird sich uns später aus einem Zeugnis ergeben, dafs die Dehnung kurzer Vokale vor einfachem Kons, im Vlt. viel älter sei. Ahd. bira kann somit nicht aus dem Vlt. stammen, ist vielmehr aus dem schriftsprachlich gefärbten Lat. der Mönche entlehnt Zweitens kann man für andere lat Lehnwörter des Altgerm, nicht behaupten, dafs sie erst nach dem 6. Jahrh. bezogen worden seien. Lat piper /. B. mufs vor der hochd. Lautverschiebung ins Ahd. entlehnt worden sein, wie ahd. pfeffar zeigt, und ein von Kluge beigebrachtes Zeugnis macht es wahrscheinlich, dafs piper spätestens im Anfang des 5. Jahrh. entlehnt worden sei. Allein es kann auch früher entlehnt worden sein und nur wenn es sicher wäre, dafs es erst im Anfang des 5. Jahrh. entlehnt worden sei n. zw. aus dem groben Vlt., erst "dann könnte man daraus schliefsen, dafs das Vlt. wenigstens der Gegend, aus der piper ins Germ, kam, noch im Anfang des 5. Jahrh. die kurzen Vokale bewahrt habe. Zusammenfassend kann man sagen: aus den lat. Lehnwörtern des Altgerm, ergibt sich nichts für die Zeit der Dehnung der kurzen Vokale vor einfachem Kons, im Vlt. Weiters nehmen Mackel, ZrP. 20,518 und Meyer-Lübke an, dafs afrz. mies "Honigwasser", nfrz. biez "Mühlgraben" aus frk. *medu *bedi die Vokaldehnung mitgemacht haben, weil ihr Diphthong ein früher im Rom. tatsächlich vorhandenes langes erweist. Auch dieser Schlufs ist nicht zwingend und berücksichtigt die Möglichkeit der Lautsubstitution nicht, die überhaupt Schlüsse aus Lehnwörtern auf den Lautstand der empfangenden Sprache erschwert oder ganz hindert. Als frk. *bedi ins Gallorom. aufgenommen wurde, kann die Dehnung schon seit Jahrh. durchgeführt gewesen sein. Dann hatte das Gallorom. vor einfachem Kons, nur mehr lange Vokale. Man war gewöhnt, die betonten Vokale vor Kons, lang zu sprechen, und übertrug diese Lautgewohnheit auf die neu aufgenommenen frk. Wörter, so wie ja überhaupt Lautgewohnheiten der empfangenden Brought to you by | University of California Authenticated Download Date | 6/9/15 4:50 PM 576 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. Sprache auf neu aufgenommene Wörter angewendet werden. Somit besagen auch die germ. Wörter im Rom. nichts über die Zeit der Dehnung. Ergiebiger als alle Spekulationen moderner Sprachforscher ist die klare Angabe eines alten Römers. Der Grammatiker Consentius, der aus Narbonne stammte und im 5. Jahrh. lebte, sagt an der von Schuchardt, Vok. des Vlts. 3,43 schon im Jahre 1868, also vor einem halben Jahrh. ausgehobenen, von Keil V, 392,3 abgedruckten Stelle: quidam dicunt piper producta priore syllaua, cum sit brevis, quod vitium Afrorum familiäre est. Darnach scheint, was schon Schuchardt betonte, die Dehnung im Vlt. Afrikas begonnen zu haben. Dort war sie jedenfalls im 5. Jahrh. bereits eingetreten. Da eine Ausbreitung von einer Gegend über das ganze Reich nach Auflösung des Reichsverbandes unwahrscheinlich ist, so wird sich die Dehnung spätestens im 5. Jahrh. über das Vlt. des ganzen Reichs verbreitet haben. 2. Der von Meyer-Lübke, Einf. J , 110; 2 , 126; 3 , 148 erwähnte Wandel des lat. ond zu und bedarf einer Besprechung. Die lat. Zeugnisse sind von Reichardt, Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik 139,105 und von Schuchardt, Vok. des Vlts. 2, 116ff. gesammelt worden. Frundes steht bei Ennius, annal. 266 und wird von Charisius bei Keil i, 130, 29 unter Berufung auf Ennius erwähnt. Frundiferos steht bei Naevius. Priscian bei Keil 2, 26> 25 sagt: multa praeterea vetusiissimi eliam in princibalibus mutabant syllabis, gungrum pro gongrum^ cunchin pro conchin, kümmern pro homincm proferenteS) funtes pro fontes, /rundes pro frondes. Velins Longus bei Keil 7, 49, 15 sagt: in multis etiam nominihus variae sunt scripturae, ut fontes funtts, /rondes frundes. Schuchardt belegt prumpta, abscundi, punderibus y funtes, frunte, Muntanus, puntifex. Wie verhalten sich hierzu die rom. Formen? Wenn man o vor Nasal + Kons, überhaupt in Betracht zieht, so findet man im Rum. dafür u in ascunde* cumpäi, frunzä, fntnie, lung, munte, punfe, räspunde, tunde, auch für ö in ctiscru, custä, musträ, nume, im Zentralsard. u in cuncuba, in den stammbetonten Formen von cundire> in frundza, rcspundere, iundere, für ö in ascuse, muslra, lumene, dagegen o in longu, fronte, monte, ponte, ispozu, andererseits ue in asp. cutmpadre, ciitettcoba (Pidal, Manual 2 , 152), cuento, fuente, fruenlt, mengo, puente, espuenda, im Frz., Prov., Tosk. geschlossenes o, während Rom und Neapel offenes o sprechen (dOvidio, GGr. I 2 , 6o8). Was ergibt sich aus dieser Verteilung? Wahrscheinlich bestand in diesem Punkte eine dialektische Spaltung im Italischen, bzw. im Altlat. Bekanntlich wurde o vor uc, ngti, mb im Lat. zu «, wie z. B. uncus, unguts, umbilicus gegenüber griech. , , * zeigen, blieb dagegen im Umbr., in den sabellischen Mundarten und im Osk, (v. Planta i, 109; Bück, Elementarbuch der osk.-umbr. Dialekte, 28). Das o vor n -f-Dental scheint nun in einem Teil Latiums zu u geworden zu sein wie vor nc, ngu, im anderen Teil geblieben zu sein wie vor denselben Kons, im Umbr., Sabell., Osk.; Brought to you by |
doi:10.1515/zrph.1921.41.3.574 fatcat:y6v5i5lkx5dqpjjxiewbphzi6m