Untersuchung zurückgebliebener Schulkinder

S. Kalischer, H. Neumann
1898 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
fUr Hals-, Nasen-, und Ohrenleiden. Da die Fürsorge für die schwachbegabten Kinder der Berliner Gemeindeschulen uns der Regelung bedürftig schien, unternahmen wir zur zahlenmässigen Feststellung der bezüglichen Verhältnisse mit Erlaubniss der Städtischen Schuldeputation in zehn Berliner Gemeindeschulen eine Untersuchung aller zurückgebliebenen Schüler. Freilich wurden uns nur alle diejenigen Kinder der drei unteren Classen zur Verfügung gestellt, welche in ihrer oder in der vorausgegangenen
more » ... orausgegangenen Classe länger als zwei Jahre sassen. Es entgingen uns daher in diesen drei Classen namentlich von den neueingetretenen Schülern diejenigen, welche kürzere Zeit die betreffende Classe besuchten, und ausserdem eine geringere Zahl solcher Schüler, die trotz geringerer Begabung in höhere Classenstufen geschoben waren. Es wurden von 10 132 Knaben und Mädchen nur 255 (2,S°/o) zur Verfügung gestellt.1 Unsere Absicht ging dahin, die körperliche, geistige und sittliche Persönlichkeit der in der Schule zurückgebliebenen Kinder möglichst vollständig zu erforschen, um hieraus die Gründe abzuleiten, aus denen sie den Anforderungen der Schule nicht entsprechen. 1) Die Gesammtzahl der Gemeindeschüler betrug Mai 1897 193763 lu 213 Schulen. Als Grundlage unserer Untersuchungen diente ein von uns eutworfener und vom Ciassenlehrer vorher ausgefüllter Fragebogen. Deiselbe enthält ausser dem Nationale des Kindes Angaben über den Eintritt in die Schule, die Aufenthaltsdauer in den einzelnen Classen, Schulversäumnisse , Nebenbeschäftigungen, Fleiss, Betragen, Leistungen, sowie besondere Eigenthümlichkeiten des Kindes. Die Untersuchungen wurden in zwei Räumen der Schule innerhalb der Schulzeit gleichzeitig von den oben genannten Aerzten vorgenommen, indem die Kinder mit ihren Journalen gegenseitig ausgetauscht wurden ; sie hatten insofern Mängel, als die Zeit sehr beschränkt war; 20 bis 30 Kinder beanspruchten 70 bis 90 Minuten ; ferner wurde die Untersuchung ohne vollständige Entkleidung des Kindes, sowie mit sorgfältiger Vermeidung aller einschüchternden oder unangenehmen Maassnahmen vorgenommen; Auskünfte seitens der Eltern fielen fort. Besondere Schwierigkeiten machte die Untersuchung des Nervensystems und der geistigen Begabung ; während einzelne Kinder bier kurzer Hand zu erledigen waren, erforderten andere eine eingehende Prüfung. Vielfach konnte schon das Aussehen und Benehmen einen Hinweis auf eine minderwerthige geistige Veranlagung geben; in jedem Falle wurde jedoch durch zweckmässig gestellte Fragen festzustellen gesucht, ob die Sinnesanschauungen, Orts-, Zeit-, Formen-, Farbensinn der Altersstufe des Kindes entsprechen; auch Auffassungsfähigkeit, Gedächtniss, Begriffsbildung, Gefühlsleben wurden durch Fragen aus dem Familienleben, Natur, Haus, Hof, Schule, Religion bestimmt; ebenso wurde der Umfang der erworbenen Kenntnisse (Rechnen u. s. w.), theils mit Unterstützung der uns zur Verfügung gestellten Lehrer, theils mit Hülfe der Angaben des Fragebogens festzustellen gesucht. Es wurden drei Grade geistiger Minderwerthigkeit unterschieden: schwache Begabung, Schwachsinn, Idiotie. Bei dem Schwachsinn wurden ferner ein geringerer oder höherer Grad auseinander gehalten. Zu den schwach begabten Kindern wurden diejenigen gezählt, deren allgemeine geistige Thätigkeit verlangsamt war, indem bald die Auffassungsfähigkeit erschwert, bald das Gedächtniss schwach blieb; doch waren die geistigen Functionen, wie z. B. die Erfassung concreter Begriffe, vorhanden, und eine geistige Fortentwickelung bis zur normalen Bildungsstufe war unter Berücksichtigung der individuellen Anlage zu erwarten. Als Schwachsinn geringen und höheren Grades wurden nur stärker ausgeprägte, meist schon für Laien offenkundige Formen der schwachen Begabung angesehen. Als Idioten wurden die völlig bildungsunfähigen bezeichnet, bei denen nur durch dauernde Anstaltsbehandlung eine geringe Fortentwicklung der beschränkten geistigen Anlage zu erwarten war. Schwierigkeit machte die Einreihung derjenigen Kinder, bei denen weniger die Minderwerthigkeit der intellectuellen Fähigkeit hervortrat, als krankhafte Abweichungen ini sittlichen Verhalten, wie Perversion der Instincte, Neigung zum Lügen, zum Vagabondiren u. s. w. Es fanden sich 116 geistig minderwerthige Kinder (64 Knaben und 52 Mädchen) ; das sind von der Gesammtzahl der Schüler 1,5 o/o ; davon waren schwachbegabt 68 (0,7 0/0), schwachsinnig geringeren Grades 25 (O,2°/), höheren Grades 15 (O,l0o), blödsinnig 8 (O,OS°/o) der Gesammtzahl aller Schüler. Idioten fanden sich nur in den beiden untersten Classen. Von 8 standen 5 im Alter von 13 bis 14 Jahren. Die schwachsinnigen Kinder hatten in der 4. Classe mindestens ein Alter von 12 Jahren erreicht; die schwachbegabten waren ebenfalls in der 4. Classe fast sämmtlieb 12 bis 13 Jahre alt ; umgekehrt waren zwar in der untersten Classe alle zurückgebliebenen Kinder, soweit sie untersucht wurden, in der Regel auch geistig minderwerthig, hingegen traf dies in der 5. und 4. Classe viel weniger häufig zu. in den einzelnen Schulen fiel das Ergebuiss aus verschiedenen Gründen verschieden aus, und zwar schwankte der Procentsatz der Schwachbegabten zwischen 0,4 und 1,3, derjenige der
doi:10.1055/s-0029-1204187 fatcat:fuox5d3nsjbgjlqonkrc4vs2ku