Kleinere Forschungen zur Geschichte des Mittelalters VII–IX

Paul Scheffer-Boichorst
1887 Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung  
VII. Der Streit über die pragmatische Sanction Ludwigs des Heiligen. § 1. Derzeitiger Stand der Frage. Die pragmatische Sanction Ludwigs des Heiligen galt lange Zeit für die kräftigste Säule des Gallikanismus. Ein französischer König, dem einer der herrschsüchtigsten Päpste die Aureole zuerkannt hatte, erschien danach eigentlich als Begründer französischer Kirchenfreiheit: ein Heiliger war es gewesen, der sein Land zuerst gegen römische Uebergriffe geschützt hatte, und in der Heiligkeit Ludwigs
more » ... Heiligkeit Ludwigs lag doch die beste Rechtfertigung des Gallikanismus. Wie dieser auch im Laufe der Jahrhunderte befestigt ward, welche neue Eroberungen er auch machte, ob auch seine einzelnen Sätze viel genauer bestimmt wurden, -für die Männer vom Geiste Bossuet's und Fleury's hatten alle weiteren Fortschritte, namentlich die Pragmatica Karls VIL, dem Gesetze Ludwigs gegenüber doch nur jene Bedeutung, welche etwa ein englischer Politiker, im Vergleiche zur Magna charta selbst, ihren späteren Bestätigungen und Erweiterungen einräumen mag. Bei diesem Ansehen und Werthe, welche die Sanction von 1269 für die Selbstherrlichkeit der französischen Kirche hat, mag man sich unschwer vorstellen, dass sie den Gegnern des Gallikanismus ein Dorn im Auge war. Vor Allem war es der fünfte Artikel, der ihr Missfallen erregte. Denn erst er machte klar und deutlich, dass das-ganze Gesetz, wenn auch nicht ausschliesslich, gegen Som gerichtet sei. Nebenher mögen die einzelnen Bestimmungen immerhin andere Gewalten treffen, -so lautet das allgemeine Urtheil, -im Wesentlichen
doi:10.7767/miog.1887.8.jg.353 fatcat:vhyisbtn55bo7aon5j5wbnjefa