Einleitung

Pietro U. Dini, Göttingen Academy Of Sciences
2017
Einleitung "Die Geschichte des Lutherschen Katechismus ist von hohem Interesse und an und für sich wert, daß man sich mit ihr beschäftige" Adalbert Bezzenberger, 1907, S. 69. Wer mit der Geschichte des Deutschen vertraut ist, weiß, daß das Adjek tiv undeutsch schon seit Luther belegt ist: Da der Reformator deutsch und deut lich miteinander verbindet, hieße undeutsch ungefähr »undeutlich, unver ständlich«. Nicht selten wurde undeutsch auch als Entsprechung für βάρβαροϛ verwen det. Das ist eine
more » ... det. Das ist eine klare Tatsache und stellt keine Überraschung dar. Eine solche mag allenfalls darin liegen, daß eine zweite Bedeutung desselben Wortes den meisten Wörterbüchern inzwischen völlig fremd geworden ist. Diese Bedeutung ist zweifellos alt und findet sich bereits bei Autoren des 16. Jahrhunderts. So konnte man zum Beispiel von »eyner frembden und un deutschen nation«1 reden, und so sprach man über die Ereignisse »in un deutschen landen«,2 und ebenso berichtete man über »undeutsche unter beamte im Osten«.3 Man könnte diese Beispiele leicht vermehren, aber es ist offen sichtlich, daß undeutsch in diesen Fällen die Bedeutung von »nicht-deutsch« bzw. »außerdeutsch« wiedergab. Für das vorliegende Thema ist es darüber hinaus wichtig, hervorzuheben, daß undeutsch (Adjektiv) in einem noch engeren Sinne gebraucht wurde, und zwar, um »lettisch, estnisch, curisch, liefländisch« und noch mehr in den sogenannten Ostseeprovinzen (später Baltikum) zu bezeichnen.4 Als Bei spiel kann man hier einen Passus aus der 1545 erschienenen Chronik Simon Grunaus, des Chronisten des Deutschen Ordens, anführen, in dem es heißt:5 "In Preuſſen itzundt wonen [...] undeutſch und Deutſche menſchin". Ähnlich schrieb Caspar Hennenberger 1584 auf dem Titel blatt seiner Kurtʒen vnd warhafftigen Beſchreibung: "Der alten Heideniſchen Undeutſchen Preuſſen [...]". Offenbar lässt sich eine solche ethnonymische Verwendung als vage bezeichnen, weil unter undeutsch sowohl genetisch als auch sprachlich unterschie dliche Völkerschaften des Ostseeraums zusammengefasst wurden. Ferner lohnt es sich, festzustellen, daß für die Benennung einer Sprache nicht nur eine adjektivische Konstruktion, sondern auch das Substantiv das Undeutsche verwendet wurde.6 Faktisch findet man sowohl "ins undeudſche Sprache gebracht"7 92: Von underscheit der sprochen in Preussenerlande. Darüber vgl. auch Verf. 2010a, S. 358-360. 6 Diese Substantivierung des Adjektivs als Glottonym ist dem DWB unbekannt geblieben. 7 Rivius 1586, Titelblatt.
doi:10.26015/adwdocs-1326 fatcat:5o77oqhyzbabdmx4vonfbzkyli