Die allgemeine Therapie der Geschlechtskrankheiten (Schluß aus No. 25.)

Max Joseph
1907 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die weitaus größte Bedeutung sowohl f(ir das Leben des Einzelnen wie für seine Nachkommenschaft, hat aber die Syphilis. Sie stellt bei richtiger Behandlung die Heilung in Aussicht, wEihrend sie vernaoh1ssigt, zu den schwersten Folgeerscheinungen führt. Kein Wunder, wenn man sich hiernach die Frage vorlegt, ob es nicht möglich wäre, durch eine Abortivbehandlung den Ausbruch der Syphilis zu verhüten. Zu diesem Zwecke lag es nahe, eine Exzision des Primäraffektes vorzunehmen. Ich habe dies
more » ... hst ausgeflihrt, ohne aber jemals den Ausbruch der Lues verhüten zu können. Indessen will ich Ihnen nicht verhehlen, daß einige wenige Mitteilungen in der Literatur existieren, nach denen sicher durch die Exzision das Auftreten der Allgemeinerkrankung verhütet wurde. Diese unbedeutende Zahl von positiven Erfolgen kann gegenüber der Unzahl von teils veröffentlichten, teils gewiß noch in viel höherem Maße nicht veröffentlichten Exzisionsversuchen nicht in Betracht kommen. Sie beweisen nur, wie außerordentlich selten es möglich ist, durch frtihzeitiges Ausschneiden des Primäraffektes auf die Entwicklung der Krankheit günstig einzuwirken. Allerdings ist der lokale Erfolg bei einigermaßen sorgfältiger Operation natürlich ein günstiger. Statt der wochenlang dauernden Abheilung unter der üblichen Pulverbehafldlung sehen wir nach der Exzision das Ulcus meist per primam vernarben. Vielleicht berechtigt uns die durch Hollän der eingeführte Heißluftbehandlung zu größeren Hoffnungen. Nach Aussehaltung des Kreislaufs durch einen um die Radix penis fest umgelegten Gummischlauch und lokaler Anästhesie mit Aethylchlorid schreiten wir zur kontaktlosen Kauterisation, wobei mittels des Holländerschen Heißluftapparates ein Hitzestrom von ungefähr 300 Grad auf das Ulcus einwirkt. In einigen Minuten ist das ganze kranke Gewebe mumifiziert und man versucht nun dasselbe mit dem scharfen Löffel zu entfernen, um nach neuerlicher Anästhesie noch einmal die Kauterisation vorzunehmen. Zur Nachbehandlung läßt man die verbrannte Stelle mit Borvaseline und Gaze verbinden, geht später zur Pulverbehandlung über und kann schließlich, wenn die Verbrennungswunde nicht bald heut, Höllensteinlösungen aufpinseln. Die Heilung der Wunde erfordert immer einen Zeitraum von mehreren Wochen. Was den definitiven Erfolg der Methode anbetrifft, so wird man sich, bis von vielen Seiten Erfahrungen vorliegen, vorsichtig ausdrücken müssen. Mir scheint sie in manchen Fällen aussichtsvoll zu sein, und da wir durch sie dem Patienten nicht schaden, so möchte ich sie weiter in ärztlichen Kreisen empfehlen. In den meisten Fällen sind wir aber jedenfalls darauf angewiesen, da die Patienten verhältnismäßig spät zu uns kommen und vor allem schon Drüsenschwellungen haben, den Primäraffekt lokal zu behandeln. Ob wir hierzu bei geeigneter Lokalisation des Krankheitsherdes einen Quecksilberpflastermull wählen oder Kalomel, resp. ein anderes desinfizierendes Pulver aufstreuen, ist im wesentlichen gleichgültig. Die Abheilung dauert gewöhnlich längere Zeit, und wir haben uns nun die wichtige Frage vorzulegen, wann sollen wir mit der allgemeinen Behandlung der konstitutionellen Lues beginnen. Auch hier stehen sich wieder, wie so oft, gerade auf diesem Gebiete zwei entgegengesetzte Anschauungen gegenüber. Einerseits wird eine exspektative Therapie empfohlen, um abzuwarten, bis eine deutliche Roseola vorhanden ist. Der Grund hierfür liegt darin, daß einesteils, von wenigen Fällen abgesehen, die Diagnose Lues erst nach Auftreten der Roseola absolut sicher ist, und zweitens der Verlauf der Lues dann am besten scheint, wenn man sie ihren physiologischen Gang bis zum Auftreten der Roseola nehmen läßt. Die Gegner dieser Anschauung betonen aber für ihre präveutive Therapie, daß es unstatthaft sei, dem infektiösen Virus seinen Lauf zu lassen, ohne ihm hemmend entgegenzutreten. 131 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1203150 fatcat:ipapoebjcnayhegh7yn4zhgrf4