Teilnahme am Suizid und Tötung auf Verlangen - Ein Apell an den Gesetzgeber

Ralf Krack
1995 Kritische Justiz  
Die Tcilnahmc am eigenverantwortlichen Suizid und die Tötung auf Verlangen sind normativ identische Phänomene, dic vom Gesetzgeber bezüglich ihrer Strafbarkeit eigentlich gleich behandelt werden mü{!ten . Die derzei tige Ungleich behandlung, die aus der Straflosigkeit der Suizid teilnahme und der Strafbarkeit der Tötung auf Verlangen ( § 216 StGB) rcsultiert, ist daher unter dem Gesichtspunkt willkürfreier Gesetzgebung unhaltbar. Diese im folgenden Aufsatz hergeleitete und unter Beweis
more » ... ter Beweis gestellte These mag innerhalb dcr lebhaften Diskussion über die Strafbarkeit der Sterbehilfe als Fremdkörper erscheinen, da sie sich in die beiden Hauptströmungen schwerlich einordnen läßt: Auf der einen Seite stehen ein Teil d er strafrechtlieben Literatur und -zwangsläufigder Bundesgerichtshof, die ihre Bemühungen darauf richten, das geltende Recht anzuwenden. Dic seit 1871 unverändert spärlichen Regeln zur Strafbarkeit der Sterbehilfe werden mittels eines ausgeklügelten Systems aus!,:cfüllt und so handhabbar gemacht. Die im Zusammenhang mit der Sterbehilfe möglichen Geschehnisse werden in ein differenziertes System eingeteilt, in dem primär zwischen Selbst-und Fremdtötung, direkter und indirekter sowie aktiver und passiver Sterbehilfe unterschi eden wird::' Auf der anderen Seite stehen di e Autoren, die nur de lege ferenda argumentieren. Von ihnen werden entweder -wie von den Verfassern des Altcrnativentw urfs z ur Sterbe hilfe -partielle Weiterentwicklungen des geltenden Rechts gefordert oder aber ein völlig neues System der Euthanasiestrafbarkeit entworfen, das sich von der strafrechtsdogmatisch geprägten Systembildung und Kasuistik, wic sic heute vorherrscht, vollkommen löst. Dabei wird rege lmäßig ein e Lockerung des Strafrechtsschutzes angestrebt, wie sie z. B. in den Niederland en bere its vollzogen wurde. Leider haben beide Strömungen bis jetzt wei tgehend außer acht gelassen, daß das geltende Recht aufgrund der Ungleichbehandlung von Sui z idteilnabme und Tötung auf Verlangen eine erhebliche Bruchstelle aufweist. Die hierdurch entstehenden Wertungswidersprüche verhinde.rn es, d e lege lata ein stimmiges Strafbarkeitssystem zu entwickeln. Die dahingehend en Bemübungen sind daher zwa ngsläufig bis heute nicht von durchschlagendem Erfol g gekrönt. Gleichzeitig folgt aus dieser Bruchstelle, daß die bestehende Gesetzeslage nicht nur aus rechtspolitischen Gründen verändert werden kann oder -in Hinblick auf die Entwicklungen in deo Iotensivstatlonen unserer Krankenhäuser -sollte, sondern verändert werden muß, um ein en unhaltbaren Wertungswid erspruch des Gesetzes zu beheben. Bei der Frage der Strafbarkeit VOn Tötung auf Verlangen und Suiz idteiloahme geht es Vgl. dazu den Überblick von Pelzl in KJ 199 4. S. 179([· Ferner die iungst erga ngene Entscheidung des Bundesgericht shofs. die den im Gesel? angclc:;tcn Widerspruch zugunslen der Autonomie sterbewIlli ger P: uicn ten aufzlJlosen versucht, N]\XI 1995, 204· https://doi.org/10.5771/0023-4834-1995-1-60 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 07.11.2020, 04:52:02. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. 1 Auf me iner w:ihrC'nd des Lucr-;\wrsludiums gcfuhrH. 'n Liste dCrJ ("o igen ßCHrai:,C!. die sich mit dem Komplex Sui zid und Tot un~ auf Verbogen bescb .. fClge n, befind en Sich ungefähr So eilJ~chlaglge Veroffcnl hchungen . Schon deshalb sind dic.rolgend en Ll tenuurnachwelse ohne . Ieden Anspruch auf VolIs(~ndlg keiL 1 Ein BeispIel z.um verwendetcn Vok3bubr : .,Dle Lehre, ci n Gemisch aus schembarer LOgi k l.md antiker Heldenmoral, spricht dem gesunden Men :;:chcm·crst:md H o hn und schl:Jg[ dem christlichen Wcrtempfm. dco lllS Ge IdH . • ( H er~be rg . Du:. , U merl:u.s ung IIll Slrafrl'cht und das Ga,r3nt~pnnZlp ( 197!). S. 266). Wenn m;Ul der mode rneren und nH. 'IOCS Erachtclls ~utrdfend('n Ans icht folgt, nac h di . " r elOt: Etnwilhguflg stets t.\the!itandsausschJießend wirkt (RoxU/.. Slrafrechl AT f (1992 ), S. HI H.) , ergi bt sich hcgrl fflich (IJIgendes Problem : Im f alle der Wirksamen Etnw ilhgung des RechtsgutslOhabers liegt eigentlich kCln e Reeh tsguu »verlctz.ung. \1or, da der z usnmmende \Y/llic ja gerade bewirkt. dalJ die Dispositionsfreiheil als kons ti tutiver BemUldteJ' des Rccht~gut cS nicht beruhrt 151 . Au sprachLchcn Grunden (l'S fehltz umm· den im BereICh ni chtkorpcrllcher Sehutzgutcr -an eine r befrtedJgenden ßcgriffs:lltern:ui vc) $oJJ der Begriff der (R", hlsguu · )Verlctwng wCllcrhin bcnut7.t werden. Naher :t. UIll Inh:t lt di eses K.lpltcls Kmck. List als Str:tftatbesl3ndsmcrkmal -Zugleich cin BCltr.1g 1.U Tau .chung und Tr-num beim Betru~ (1994). S. tOS ff. Strat t:lI'Wcrth, Strafrecht AT (1981 ), Rn. 762 f. 6 DIese Bezeichnung hat Sich allgemein durchgcsel7..( (Siehe staU vieler Sc/Jlllmg, JZ 1979. S. I S9; Hoh· mannlKomg. S,Z 1989, S. >04 (>06)). Eint, solch e Tren nung in den fonnellen und den spal cr -bei der mittelbaren T<l tcrsch3ft -d:tr7.ustellendcn materiellen Teil des Tedn;lhme:\r g um c n(.~ wird In der Llteralur nicht od er zumindest nicht hinreichend bcruck.~i ,h ti g(. H[erauf beruht m e i ne , Era,htens ei n groHt: r Ted der a.rgumcl1t3t ivcn Verw irrung und der d:ldurch verurs3clHen Scheingcfechc ( in di esem Bereich. NClfmann , JA [987,5.1.44 (245 H.); Hu/muwn/Komg (Fn.6), S.Jo6ff.; Klmgcr, D[e Strafbarkeit der BClcd[!:jun g an ein er durch T:t usc hu ng hcrb(" jgcfuhncn Sdbsl"tolu ng ([ 991 ), S. 46 f., SOi meht ausdruck· heh, aber in die se R[c!ll ung 't u dcut l' n lind au ch , 1Ilderweltig (v on NC Im'ldlln JA [98 7. S.246) so ve rsunden Roxm, T:uersch3ft und Talherrschaft (1990). S. 57' f. 9 Ne"mann, JuS 1985, S. 677 (678) ; Klmg" (F n. 8), S·4G. 10 Neumall" (Fn . 8), S. 247i !1ohmamdKollig (Fn . 6). S. 307. 11 Neum aIJ IJ ( fo n. 8). 5. 247 . N t!lm"lll nn und Hobmfmn/Komg lehncil Jedoch au, h dIe analoge Anwendung ab, so daß Jicscr St rei t ni<:ht nur .lbdcnllsc hcr N:ltur, so nd ern vo n weit ergchc nd c:r Bedeutung Ist. 12 Kta'blRIIßmann , jUflstlschc Begrundungslehre (1982), S. 26of. I) § 1.751GB wird nur au s Vnelnf<lchu ngsgrundcn kurz. ausgeblendet. 14 Das ErforderniS der Vorsat l.llc.hkcit der Haupllat und des Vorsatz.es des An sti fters werden hier ebenblls zu r Vcre infachun g \"crnachb.s$lgt. 15 L ar~",:, Mtth odtnlthre de r Rccll lswisscnSI;h aft (1991 ), 5. J74 · 16 DLl'Sl'.~ Ar gument wu rd e nid H pa ssen, wellil ma n mit de r Lehre vom exte nsiven T. 1terbegriH (Ball. mann / Weber, Strafrecht AT ( 19$5), S. po) :l.On:;r,hme, d3ß § § 26, 2751GB nicht ~l r.1fbc-grund end cr. sondern strafmild ernd er N3 w r seLen) so daß das AnaJogleverbot nicht eingriffe. Dieser moghche Ein · wand kann jedoch vt' rnachl :iss igt w,rdcn, da zum ein !!n der ex[('ns i\'( Tate rbeg riff fJ Sl einhelli g abgclehlll wird (Roxm (Fn . 8), S. loS fr.; Bio)" Dil' Bccedq;ungs(o rm als ZlI rtc hnun gslYpu S im 5trafrt'chl , S. 99 H.; https://doi.org/10.5771/0023-4834-1995-1-60 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 07.11.2020, 04:52:02. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. 28 Schmal , PS MaurJ ch ( 1972), S. 11.\ (11j) : Gobel (r,.,. '.11 , S. 99f. 29 So au ch , ohne n;ahe n: ße~rundun g. J(~k obs (Fn. [6), AT, 7/ l lO ; Horn In SK, Band 2, Rn. 1I zu § 21 2. J O Dic :1I[1,:rc Litcratur "Z.1I diest't Frage bietet kcltl C' w(-$t'nlhcht'(I Argumcnte, di e Si ch OIch t ,lUch ;\U $ dl'tll neue re.n Schrifttum ergeben . Au f ih re Wiedergabe Wird hlcr deshalb vCrzlclHCt. N ::u;:h wcl se finden sich bei Gt:ppert (Fn. 20), S. 962 L, Fit. 72.. J I 8 eluke (Fn. 20), S. 254; den., GA 198 J, S. 12 (36 f.). Jl Roxl1I (Fn.8), S. 16J. 42 Nelmlann (Fn. 9), S.679. 4} Neumann (Fn.8), S. 252. 44 Wenn man davon ausgeht., d:lß dem Vordenn:mn sein str:lfrL'l:hllirhn SChUlZ., von den' wq.;en § 823 11 BGB sogar seine zivilrechtlichen Schademersatz.~nspruche abh:mgcn, wi chug ist. 45 Abgcsc:.'hcn von einer Be strafung nach § 24C StGB. 46 Nun mag m:ln (·inwcndcn. dann solle er sich fur die P'reisgabc von A entscheiden . Doch mit welcher Begrundung rnJJh m:UI sich an, die dem Vordermann zustehende Entschl'idung, ob der .. SdM.dl·.n in noch plausibler Weise umverteih .. Uakobs (Fn. 15), 7/121) wird, selbst zu treffen? https://doi.org/10.5771/0023-4834-1995-1-60 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 07.11.2020, 04:52:02. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. 60 Im folge'ndcn soll nur die Strnfbarkeit wegen Tötung durch akti,·cs Tun bch3ndclt werden. Oie ebenfalls sfJrk umst rittene Strafbarkeit wegen unterlassener HilfeleislUn~ nach § PJC StGB und wCb~n Totschlags durch Umerlasscn ( § § 212., 13 SrGB) bz.w. Tötung JU( Verlangen durch Umcrl;1sscn ( § § 116, 13 StGB) bleibt :tußer Betracht; ebenso die Frage der möglichen Rechtfertigung oder Entschuldigung einer nach § 1.16 StGB [;ubestaod5maßigen Handlung.
doi:10.5771/0023-4834-1995-1-60 fatcat:uiz7yddbkbbjdesmpltdvkgyai