"Nikutai koso, subete da." Nikutai bungaku und die Entdeckung des Körpers im Japan der frühen Nachkriegszeit

Ulrike Pickardt
2000 Japanstudien  
Das Fleisch ist alles" 2 , schreibt eineinhalb Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs der japanische Autor TAMURA Taijirñ (1947: 12). -Alles ist Körper, konstatiert 1991 die Schriftstellerin Jutta HEINRICH. Die zwei Thesen entstammen nicht nur verschiedenen Kulturen, sondern sogar weit auseinanderliegenden Epochen, und weisen dennoch eine augenfällige Affinität zueinander auf. Es handelt sich offenbar um eines von vielen Symptomen der gleichbleibenden Relevanz dessen, was Tamura und mit ihm
more » ... ura und mit ihm eine Generation von japanischen Literaten schon 1947 versucht: Die Verortung des Phänomens Körper in der Kultur des 20. Jahrhunderts und die Neubestimmung seines Stellenwerts. Diese Entwürfe gewinnen im heutigen Zeitalter der Paradoxie wachsender medialer Vergötzung des Körpers und seiner gleichzeitigen digitalen Virtualisierung, in dem sich die Frage nach Substanz und Bedeutung des Körperlichkeitsbegriffs immer dringlicher stellt, eine neue Aktualität und Attraktivität. Die von Tamura ins Leben gerufene sogenannte Nikutai bungaku ["Literatur des Fleisches" 3 ] stellt ein wesentliches Trägermedium dieses japanischen Körperdiskurses dar, der nicht zuletzt unter dem Eindruck der Kriegsereignisse aufkommt und wichtigen Anteil am geistigen Leben nach 1945 hat. Es gilt hier zunächst, im Anschluß an eine knappe Charakterisierung des zeitgeschichtlichen Hintergrundes die "Literatur des Fleisches" in Verbindung mit der ihr zugrundeliegenden Weltanschauung vorzustellen und sie in ihren intellektuellen Kontext, die japanische Subjektivitätsdebatte der späten 40er Jahre, einzuordnen. Anschließend werde ich versuchen, mit Hilfe ausgewählter Beispiele diverse Spielarten 1 Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag, der im Rahmen des Workshops "Geschlechterforschung zu Japan 1997Japan " (11.-12.12.1997, Evangelische Akademie Mülheim a. d. Ruhr) gehalten wurde. 2 Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich bei den aus dem Japanischen übertragenen Passagen um meine Übersetzungen. 3 Die Übersetzung wird im folgenden apostrophiert verwendet, da es sich um ein Provisorium handelt, das nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit benützt werden kann wie das japanische Original; siehe dazu meine weiteren Ausführungen.
doi:10.1080/09386491.2000.11826864 fatcat:irjhc7rp55g65h6fyy6za66koy