Einführung [chapter]

2020 Gelübde im antiken Judentum und frühesten Christentum  
Einführung 0 Gegenstand der Arbeit Judentum wie Christentum haben von der Spätantike bis in die Gegenwart in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität an Formen des antiken Gelübdewesens angeknüpft und diese auch weiterentwickelt. In der Wahrnehmung der Literati reihen sich dabei auf jüdischer wie auch christlicher Seite durch die Jahrhunderte hindurch Stimmen der Wertschätzung aber auch der Reserviertheit. So zeigt sich auf jüdischer Seite das Renommee des Naziräatsgelübdes bei einer Reihe
more » ... oräischer Gelehrten dadurch, dass diese sich den Beinamen ‫נזירא‬ ("Naziräer")1 möglicherweise durch einen an Num 6 angelehnten asketischen Lebensstil verdient hatten.2 Der Amoräer Abaje in bNed 10a führt dagegen eine ganze Reihe namhafter Gelehrter auf, die geweihte Naziräer angeblich für Sünder gehalten haben.3 Aus gaonäischer Zeit hören wir dann in einem Rav Natronai Gaon zugeschriebenen Responsum vom Niedergang des Gelübdewesens,4 wenn dieser Rav Jehudai Gaon zitierend davon berichtet, dass das Studium des Traktates ‫נדרים‬ ("Gelübde") in Babylon bereits seit geraumer Zeit ausgesetzt worden sei und kein Urteil mehr zur Bestätigung oder Annullierung von Gelübden von den dortigen Gelehrten getroffen werde. Auf christlicher Seite gehören die altkirchlichen Theologen Origenes, Gregor von Nyssa und Ambrosius von Mailand wohl zu den prominentesten Stimmen, die sich mit der Gelübdethematik befassen. Für Ambrosius (Cain 1,7,25) behält das Gelübde mit seinen uns aus der Hebräischen Bibel bekannten Regularien uneingeschränkte Gültigkeit. Nach Origenes (Hom. Num. 24,2) kann ein Gelübde nur dann als ein Zeichen der Hingabe und der Dankbarkeit geleistet werden, wenn der innere Mensch5 erneuert und wieder in seine schöpfungsgemäße Form gebracht worden ist. Davon, die Hingabe zur Bedingung für eine von Gott zuvor geleistete heilvolle Zuwendung zu machen, ist bei Origenes nichts zu hören. Vielmehr kehrt er die Dynamik der bedingten Gelübdeweihe um und macht die Hingabe des Menschen zur Voraussetzung für die Gewährung 1 Vgl. bSchab 54b; yBer 2,1 4b,44-45. 2 Zur spätantiken und frühmittelalterlichen Deutung der Naziräatsweihe als asketische Frömmigkeitsübung siehe 4 1.2.1.2 und 4 1.4.2. 3 Siehe dazu unten 4 1.4.2. 4 Vgl. Lewin 1942: 22-23. 5 Vgl. Röm 7,22 und 2. Kor 4,16. Daniel Schumann -9789004441835 Downloaded from Brill.com11/13/2020 04:49:19PM via free access 6 Vgl. dazu auch Kötting 1976: 1092. 7 Vgl. Dtn 23,22-24, Koh 5,3-5 und Spr 20,25. 8 Wenn hier und im Fortgang der Arbeit der Begriff "Diskurs" Verwendung findet, dann wird damit nicht in vereinfachter Weise auf eine literarisch ausgefochtene Lehrdiskussion verwiesen. Vor dem Hintergrund der Diskurstheorie von Foucault 1981: 74 verstehe ich die antiken Texte zum Gelübdewesen als Diskurse in der Gestalt, dass diese das Gelübde als ihren Gegenstand nicht darstellend repräsentieren, sondern dass diese ihn systematisch-ordnend bilden und die Möglichkeiten, über ihn zu sprechen, bestimmen. 9 Siehe 1 2.
doi:10.1163/9789004441835_002 fatcat:vrbakflt4fh3rlbscqlvmz7bme