20. Stadtplanung [chapter]

2020 Das Rote Wien  
Durch die Errichtung von knapp 400 Gemeindebauten mit mehr als 60.000 Wohnungen und den Bau von Fürsorge-, Sport-und Kultureinrichtungen hat sich das Rote Wien langfristig in die Stadt eingeschrieben. Das Bauprogramm mit dem Anspruch auf eine soziale und demokratische 'neue Stadt' wurde in großem Maßstab 1923 in Angriff genommen, definierte Wohnen als öffentliche Aufgabe und machte es zum Angelpunkt einer komplexen Bildungs-und Wohlfahrtspolitik. Eine klare Vorstellung allerdings, wie diese
more » ... ings, wie diese 'neue Stadt' beschaffen sein sollte, so Eve Blau, gab es zunächst nicht. Die dramatische soziale und ökonomische Notlage in Wien nach dem Ersten Weltkrieg ließ anfangs auch wenig Spielraum für Planungsfragen. Die Versorgungslage war desaströs. Trotz erheblichen Rückgangs der Bevölkerung hatte sich auch die Wohnungskrise weiter verschärft. Bereits vor 1914 konnte der Wohnungsmarkt, der, fast ausschließlich kapitalistisch und privatrechtlich organisiert, von steigenden Bodenpreisen und Bauspekulation geprägt war, den Bedarf weder quantitativ noch qualitativ decken. Die Folgen waren u. a. eine im internationalen Vergleich hohe Bebauungsdichte (85 Prozent der Grundfläche) und eine Überbelegung in den vornehmlich Klein-und Kleinstwohnungen. Während des Kriegs kam die Bautätigkeit weitgehend zum Erliegen, die Einführung des Mieterschutzes 1917, der einen weitgehenden Kündigungsschutz bot und die Mieten auf Vorkriegsniveau einfror, machte Investitionen in die bestehende Substanz unrentabel. Nach Kriegsende stieg die Zahl der Eheschließungen stark an, junge Paare und Familien drängten auf den Wohnungsmarkt. Wichtigstes öffentliches Steuerungsinstrument war in dieser Phase die 1919 eingeführte "Wohnungsanforderung", mit der privater Wohnraum auch zwangsweise an Bedürftige vergeben werden konnte. Gleichzeitig hatte sich im Kontext der besonderen Notlage eine im internationalen Vergleich bemerkenswerte Selbsthilfebewegung formiert. "Wilde" Siedler und Siedlerinnen besetzten nach Kriegsende Land am Stadtrand von Wien, um sich mit Obst-und Gemüseanbau sowie Kleintierhaltung zu versorgen. Aus dieser Selbsthilfe entstand Anfang der 1920er Jahre die genossenschaftlich orientierte Wiener Siedlungsbewegung. Ihre Grundsätze beinhalteten das gemeinnützige Genossenschaftseigentum am Haus, eigenen Arbeitseinsatz, eine gemeinschaftliche Infrastruktur sowie Selbstverwaltung. Intellektuelle sowie Architekten und Architektinnen wie Adolf Loos, Otto Neurath, Grete Lihotzky oder Josef Frank unterstützten die Bewegung euphorisch und sahen in der gebotenen Schlichtheit der Siedlungen und im Ideal der Selbstversorgung die Verwirklichung einer neuen demokratischen Stadt
doi:10.1515/9783110641622-022 fatcat:o7yoeeh2knav3j5kn5girinigy