Zwei Fälle von angeborenem Mangel der Pectoralmuskeln nebst Beobachtungen über die Wirkung der Intercostalmuskeln

Carl von Noorden
1885 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
In der medicinisehen Klinik kamen im vorigen Semester zwei Fälle von angeboretier Thoraxanomalie zur Beobachtung, welche ich Dank der gütigen Erlaubniss des Herrn Professor Riegel in der medicinischen Gesellschaft in Giessen vorstellen durfte. Es handelte sich um angeborenen Mangel der Musc. pector. maj. et min. Johann Z., 1 Jahre, Gärtner, von sehr kräftigem Körperbau und im allgemeinen sehr gut entwickelter Musculatur. Z. war vor einem Jahr an einem rechtsseitigen pleuritischen Exsudat
more » ... chen Exsudat mittlerer Grösse in der Klinik behandelt und nach zwei Monaten völlig geheilt entlassen worden. Der knöcherne Thorax ist etwas asymmetrisch. Das Sternum steht um ein geringes weiter nach rechts; die Ansktze der linken Rippenknorpel an die knöchernen Rippen stehen durchweg um ein sehr weniges tiefer als rechts ; sonst findet sich nirgends eine Anomalie des Skelets. Die linke Thoraxseite erscheint bedeutend flacher als die rechte. Als Ursache imponirt sofort und noch mehr bei wagerecht nach vorn erhobenen Armen der Mangel der Sternocostalportion des Musc. pect. maj., während die Clavicularportion etwas kräftiger als rechts entwickelt Ist. Ein Griff unter die Clavikel belehrt, dass auch der Musc. pect. min der linken Seite vollständig fehlt. Die Gebrauchsfähigkeit des linken Armes ist nicht um das geringste beeinträchtigt. Die Hebung des Thorax erfolgt rechts und links in gleicher Ausgiebigkeit. Das Anatomische dieses Falles stimmt also genau mit den meisten der früher von y. Ziemssen, Bäumler, Eulenburg, Berger, B. Fränkel') beschriebenen Fälle überein. Jacob J. 43 Jahre, Aekersmann, ist wegen chronischer Tuberculose der Lungen und des Kehlkopfs in Behandlung. Patient ist von grosser Statur und starkem Knochenbau. Die Musculatur, offenbar früher sehr kräftig entwickelt, Ist durch die schwere Erkrankung schlaff und dürftig geworden. Der Thorax zeigt ausser den für den Phthisiker charakteristischen Veränderungen sehr bedeutende Difformitäten congeiñtaler Natur. Der Thorax Ist so. flach, dass die Diameter sterno-vertebralis auf der Höhe der Basis des Processus ensiformis nur 14,5 cm (statt ca. 19,5) beträgt. Entsprechende Abflachung zeigt auch die obere Partie des Sternums, welches im übrigen normal gebaut und entwickelt ist. Die Vorderfläche des Thorax wird überragt von den äusserst massiven Clavikeln, welche mit ihrem sternalen Ende stark nach vorn, bis 1,2 cm, vor die Vorderfläche des Sternums vortreten, ohne aber abnorm beweglich oder abnorm fixirt zu sein. Ausser dieser starken Abfiachung macht die Vorderfläche einen völlig skelethaften Eindruck, indem hochgradige Muskeldefecte vorliegen. 1) Ausführliche Literatur siehe bei Berger, Angeborener Defect der Brustmuskeln. Virchow's Archiv 72, S. 438, 1878. B. Fränkel, Berl. klin. Wochenschrift 1885. S. 36. Deutsche Medicinische Wochenschriut 188. .M 39. Elfter Jahrgang. 24. September 1885. Druck und Verlag von ieorg Reimer in Berlin SW. Rechts fehlt der Musc. pectoralis major vollständig und ebenso der ganze Musc. pectoralis minor, so dass die Conturen der Rippen und Rippeninterstitien in weitester Ausdehnung freiliegen. Unter dem leicht zu erreichenden Processus coracoideus fühlt man die Arteria brachialis und etwas tiefer den Strang des Plexus brachialis leicht durch. Links fehlt die Sternocostalportion des Musc. pect. maj. und der gesammte Musc. pect. min., während die Port. clavicul. in etwa normaler Stärke sich vorfindet. Beim Erheben des linken Arms sieht man eine Hautfalte in der vorderen Axillarlinie in der Höhe der vierten Rippe entspringen und nach aussen und oben zur Gegend der Achselhaare sich fortsetzen. Während das Gefühl in derselben nichts von Musculatur ergiebt, bemerkt man bei Reizung mit starkem faradischem Strom einige zarte Bündelchen sich in der Falte , ihr parallel, anspannen. Das Ist der einzige Rest der grossen Muskelmasse. Rechts ist nichts davon vorhanden. Ausser den Brustmuskeln zeigt noch der Musc. deltoideus der rechten Seite eine bemerkenswerthe Anomalie. Die Porfio clavicularis und Portio spinalis sind durch eine breite Furche von einander geschieden. Statt der Bündel, welche vom Akromion abgehen sollten, findet sich daselbst ein starker sehniger Strang, der von dem Akromion kommend sich allmählich verbreitert und sich erst nahe an der Insertioxisstelle des Musc. deltoideus in die Muskelmasse desselben einsenkt. Andere Muskelanomalien sind nicht zu entdecken. Auch das Skelet ist mit Ausnahme einer mässigen Skoliose der Brustwirbelsäule nach links normal. Die Athmung des Thorax ist äusserst geringfügig; es findet fast ausschliesslich abdominale Athmung statt. Diese schlechte Bewegung des Thorax , die namentlich auf der rechten Seite auffällt, ist offenbar Folge der Erkrankung der Brustorgarie. Pat. war früher sehr kräftig und hat die schwerste Ackererarbeit ohne Behinderung verrichten können. Ob sich unter deren Einfluss eine compensatorische Arbeitshypertrophie anderer Muskeln einstellte , lässt sich jetzt nicht mehr entscheiden. Dieser Fall stellt eine grosse anatomische Rarität dar. Doppelseitiger Mangel des grossen Brustmuskels ist noch nicht beschrieben worden. Bei beiden Männern beachteten wir das Verhalten der Intercostairäume bei der Athmu ng genauer. Dieselben lagen in breitester Ausdehnung vor, so dass man zwischen den von Haut bedeckten Rippen mit Leichtigkeit den freien Rand des Musc. intercost. ext. fühlen konnte. Es hatte diese Beobachtung um so mehr Interesse, als die Ergebnisse derartiger Untersuchungen sich nicht alle decken und ein Grund für diese Abweichungen schwer zu finden ist. Für genaues Studium eignete sich aber nur der erste Fall; denn es war nicht abzusehen, wie viel von den Bewegungserscheinungen bei Fall II auf pathologische Verhältnisse im Thoraxraum zu setzen sei. Im Gebiet der knorpeligen Rippen (I., II., III. Intercostairaum) und etwas darüber hinaus, bis zum freien Rand des Musc. intercost. ext., sieht man bei ruhiger oberflächlicher Athmung keine deutliche Veränderung des Intercostalraums. Dagegen fühlt der tasteude Finger eine geringfügige Abfiachung des Raums, am dentlichsten hart am Sternum. Das geschieht aber nur im ersten Beginn der Inspiration. Lange bevor dieselbe ihre Höhe erreicht hat, ist diese Einbuchtung wieder ausgeglichen. Die Rückkehr zur Form ist weniger markant, als die Entfernung von der Form; denn sie geschieht lang-39 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1208900 fatcat:hqo3ja23mbbhlaxvb57chpaurm