Keramikproduktion und Provinzverwaltung im mittelassyrischen Reich [chapter]

Hartmut [Hrsg.] Waetzold, Harald [Hrsg.] Hauptmann
2017
Saarbrücken Ziel des folgenden Beitrages ist es, aufzuzeigen, wie eine funktionale und produktionsökonomische Analyse von Keramik zur Beantwortung historischer Fragen, in diesem Fall zur politisch-administrativen Struktur des mittelassyrischen Reiches, beitragen kann.1 I. Die offizielle mittelassyrische Keramik Im 13. und 12. Jhdt. v. Chr. findet sich im nördlichen Mesopotamien, vom Mittleren Tigris im Osten über das Häbürgebiet bis zxun Balih im Westen eine einheitliche Keramikart. Sie besitzt
more » ... nur wenige, sehr einfache Formen. AufFällig sind vor allem die Knickwandschalen, die in großen Mengen und in immer gleicher Form vorkommen (Abb. 1 a-c; 2 a-e). Von ähnlicher Form, doch im Volumen kleiner sind die Knickwandnäpfe mit einem Randdurchmeser von 9-10 cm (Abb. 1 d; 2 f-h). Halslose Flaschen mit nach außen übergerolltem Rand (Abb. 2 m-n), Ständer mit dreieckiger Lippe (Abb. 2 k) und die sog. Zitzenbecher (Abb. 2 i) sind weitere kennzeichnende Typen des mittelassyrischen Keramikrepertoires.2 Ein auffalliges technologisches Merkmal dieser Keramik ist die Sorglosigkeit in der Formgebung. Sie ist vor allem bei den Knickwandschalen zu beobachten (Abb. 1 a-b). Die Gefäße sind ungleichmäßig hoch, seitlich verzogen oder kippeln. Auf den Gefäßoberflächen finden sich Tonklümpchen, weil der Ton nicht sorgfältig verstrichen wurde. Kerben und Dellen zeugen davon, daß die Gefäße vor dem Brand aneinandergestoßen wurden. Diese Indizien deuten auf eine schnelle Herstellung, die eher auf Quantität denn auf Qualität ausgelegt war. Ein zweites Merkmal ist die Standardisierung der Keramik. Es finden sich drei in immer gleicher Ausfuhrung massenhaft vorkommende Standard-Formen: die Standard-Knickwandschalen (Abb. 2 a-e), die Standard-Knickwandnäpfe (Abb. 2 f-h) und die Standard-Flaschen (Abb. 2 m-n). Sie stellen zusammen fast zwei Drittel der Gefäße mittelassyrischer Keramikassemblagen. Gleichermaßen sind die Waren standardisiert: Zwei Drittel der Scherben bestehen aus der Standard-Häckselware, einer fein geschlämmten Ware mit gleichmäßigen, mittelstarken Anteilen von Häckselmagerung. Bemalte Waren oder andere aufwendiger herzustellende Waren fehlen in diesen Kontexten fast völlig. Die Standardisierung kann als ein Kriterium für Massenproduktion gelten. Ein drittes Kennzeichen ist die Normierung der Gefäßgrößen. Die Standard-Knickwandschalen besitzen überwiegend Randdurchmesser um 20 cm (Abb. 3), die Standard-Knickwandnäpfe liegen fast alle bei 9 cm (Abb. 3) und die Standard-Flaschen um 13 cm (Abb. 4). Die Normierung spricht dafur, daß die Gefäße in einem einheitlichen Produktionsbereich hergestellt wurden und fur einheitliche Funktionen bestimmt waren. Schließlich kommt als viertes Kennzeichen die bei den Standard-Knickwandschalen feststellbare Stapelbarkeit hinzu (Abb. 5). Sie wird durch den Normdurchmesser und die Knickwand ermöglicht. Der Knick selbst dient als Auflagering und die Einziehung über dem Knick als Griffleiste zum Abnehmen der Gefäße vom Stapel. Die Standard-Knickwandschalen waren folglich dazu bestimmt, in großen Mengen verwendet und aufbewahrt zu werden. 1 Vorliegende Untersuchung stellt einen Teil der Ergebnisse der Dissertation des Verfassers zum Thema "Mittanische und mittelassyrische Keramik, eine chronologische, funktionale und produktionsökonomische Analyse" dar, die vom Fachbereich Altertumskunde der Freien Universität Berlin im Jahr 1991 angenommen wurde. Die vollständige Arbeit ist als Band 3 der "Berichte der Ausgrabung Tall Seh Hamad/Dür-katlimmu" erschienen (1995). 2 Die ausgewählten Beispiele (Abb. 1~2) von mittelassyrischen Gefäßen stammen aus dem Statthalterpalast (Gebäude P) von Tall Seh Hamad/Dür-katlimmu (Kühne 1981-82; 1983 a; 1983 b; 1984 b; 1984 c; Pfalzner, im Druck). Die Keramik dieses Gebäudes bildet zusammen mit der mittelassyrischen Keramik aus dem Schacht der Schicht 2 in Tall Bderi (Pfalzner 1988 a; 1988 b; 1989/90; die Materialbasis fiir die in der Dissertation des Verfassers (1995) entwickelten tmd hier wiedergegebenen Ideen zur mittelassyrischen Keramik.
doi:10.11588/propylaeumdok.00003348 fatcat:ifxlyno4vzgwdfmyubmiczbbyi